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3.1 Splish, Splash

Das Meer ist für die canarios, wahrscheinlich für jeden Inselbewohner, ein enger Vertrauter. Es ist keine Grenze, keine unberechenbare Umzäunung, sondern eine Erweiterung ihres Bewusstseins. Was ich als „ab hier geht es nicht weiter“ und „Vorsicht kalter und gefährlicher Ozean“ sehe, empfindet ein canario einfach nur als einen weiteren Teil seiner Insel. Hier hört ihr Land nicht auf, sondern es geht einfach in flüssiger Form weiter. Sie fühlen sich eins mit dem Ozean – eine wunderbare und ganz neue Betrachtungsweise für mich.

Kein Wunder also, dass die canarios den Ozean als eine Art Therapeut sehen.

Nicht selten sagt mein Freund Ruy zu mir, der als canario mit dem Atlantik um sich herum aufgewachsen ist: „Wenn du Sorgen hast oder „mal humor“ (schlechte Laune), gehst du ans Meer, tauchst unter und lässt das Salzwasser alles von dir waschen.“

Meiner Erfahrung nach kann es sogar bei einem Kater helfen oder einer verstopften Nase. „Es ist das Salzwasser…“ sagt Ruy nur immer.

Da der Atlantische Ozean hier auf den Kanaren solch eine wichtige Rolle im Leben der Bewohner einnimmt, wird hier eine Tradition zum Ende eines Jahres auch besonders zelebriert: Das Schwimmen.

Die canarios nehmen traditionell zum Jahreswechsel ein letztes und ein erstes Bad. Das so genannte Neujahresschwimmen ist natürlich auch dem Rest der Welt nicht unbekannt und eine weitreichende Tradition, dennoch war mir dieser Brauch bisher fremd. Ich habe noch nie in meinem Leben ein erstes, geschweige denn letztes Bad genommen.

Am 31.12 begibt sich jeder der gewillt ist und Zeit hat zum Strand um „su ultimo“ (sein Letztes) zu nehmen. Alles was man nicht mit ins nächste Jahr nehmen möchte, wie Sorgen, Kummer und schlechte Gedanken, kann man dann bei diesem letzten Bad dem Wasser überlassen und sich sicher sein, der Ozean trägt es nicht nur weg, sondern lässt es für immer verschwinden.

Es soll dich leichter machen und beflügelt und energetisch ins neue Jahr starten lassen.

„El primero“ (Das erste Bad) des Jahres folgt dann am nächsten Tag, den 01.01 des neuen Jahres. Hier taucht man in das stürmische Blau um Inspiration und Energie für das neue Jahr zu tanken.

Man lässt sich vom Meer einmal durchspülen, um erfrischt, „wie neu geboren“ ein neues Jahr zu beschreiten und nun fähig und stark wieder neuen Herausforderungen entgegentreten zu können.

Es war so schön gestern Morgen, am ersten Tag des Jahres 2022, durch die Straßen von Las Palmas zu laufen und ein paar ältere Herren zu beobachten, die sich zwischen Fenster und Straße zuruften, ob sie schon ihr „primero“ hatten.

Ruy und ich haben gestern früh selbstverständlich auch den Atlantik seine Wunder wirken lassen und was soll ich sagen, vielleicht war es alles nur Einbildung, aber selten habe ich mich so frisch und klar gefühlt.

Eine wundervolle Tradition, die natürlich für Bewohner einer so sonnigen Inselgruppe wie den Kanaren,  ein leichtes zu erhalten ist. Dennoch ist doch eigentlich der Gedanke dahinter, was wirklich zählt. Und das ist doch wirklich ein schöner. Was hält uns davon ab in unseren gewässerfernen, kalten Wohnorten einfach in unser Badezimmer zu marschieren und die Dusche anzuschmeißen, um voller Überzeugung ins kalte Nass zu treten und sich vorzustellen sich nun Altem zu entledigen und Neuem zu öffnen?

Ich wünsche euch allen ein frohes neues Jahr, egal ob nass beendet oder begonnen! 2022 ist schon das dritte Jahr für Handkäs unter Palmen (HUP), weshalb diese Artikel immer mit einer „3“ beginnen werden.

Danke, an all die Menschen, die regelmäßig diese Website besuchen und meine Artikel lesen. Das macht mich sehr glücklich!

Bis bald

Saludos y un besito

El atlántico, tu amigo
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Eine Antwort auf „3.1 Splish, Splash“

Großartig…. Inspirierend…. Mut machend 💕🍀
Immer wieder eine große Freude und eine Bereicherung Deinen Blog zu lesen 👍

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