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2.23 Was zu lernen von den Fernen

Ich und mein Freund Ruy führen eine Fernbeziehung. Unser „fern“ ist nicht Frankfurt – Stuttgart oder gar Frankfurt – Berlin, es ist viel ferner. Nur mit Auto, ist es gar nicht zu erreichen, es ist Frankfurt – Gran Canaria.

Wum! Das ist der Sound, den ich in den Köpfen der Menschen höre, die davon zum ersten Mal erfahren.

Das ist nicht zwangsläufig ein negatives Wum, aber auch nicht immer ein positives. Es kann überrascht oder neutral sein. Es ist aber definitiv immer neugierig und etwas zweifelnd.

So Menschen wie Ruy und ich,“Fernbeziehungsler“, müssen in der Regel immer und immer wieder eine Stange von Fragen beantworten, denn so etwas Unkonventionelles ist eben einfach nicht selbsterklärend.

Dabei haben die meisten Partner in einer Fernbeziehung selber tausende von Fragen, auf die sie lange Zeit nie eine Antwort finden. Bevor wir nämlich „unsere bessere Hälfte von einem anderen Ort“ kennenlernten, waren wir wie ihr: Fernbeziehungs-Jungfrauen! Keiner von uns hätte ahnen können, worauf man sich da einlässt. Wir lernen selber noch. Ihr könnt davon ausgehen, dass wir auf alle erstaunten Fragen nicht immer Antworten haben, geschweige denn gute.

Die meisten Fragen sind einfach zu beantworten und harmlos. „Wie oft seht ihr euch so?“ oder „Wo habt ihr euch kennengelernt?“

Es gibt aber auch die Fragen, die ungeheuer schwer zu beantworten sind, weil man selber noch keine Antwort auf sie hat oder vielleicht auch keine Antwort darauf braucht, weil sich einem diese Frage gerade noch nicht stellt. Zu Zum Beispiel Wann zieht ihr zusammen und in welches Land?“

Manche Fragen können eben ähnlich unangenehm sein, wie die Frage nach der Kinderplanung und der biologischen Uhr.

Eine große Sorge, mit der wir immer wieder konfrontiert werden ist, ob „es denn nicht schwer sei“.

Ja wie beantwortet man das am besten? Welche Beziehung ist denn nicht schwer, frage ich mich?

In Zeiten von Corona monatelang aus einer Wohnung ein Doppelt-Home Office machen ist auch nicht gerade einfach, wage ich zu behaupten.

Im Endeffekt, so denke ich, ist „schwer“ für jeden immer das, was nicht seinem Wesen entspricht.

Ruy und ich hatten beide keine Erfahrung mit Fernbeziehungen, als wir uns kennenlernten. Hätten nie erwartet, mal eine zu führen. Und obwohl es manchmal schwer ist, sind wir ungeheuer zufrieden mit unserem Lebensstil, solange wir ihn haben.

Wir haben zwei Wohnsitze in zwei aufregenden Städten und das stillt wenigstens schon mal teilweise unsere Abenteuerlust.

Natürlich bedeutet Fernbeziehung mehr fern als nah. Trotzdem darf die Fernbeziehung als solches gerne ihren negativen Ruf verlieren. Das Konzept von einer Prise Ferne in einer Beziehung verspricht viele neue Möglichkeiten und das sollte mehr nach außen kommuniziert werden. Nothing to be afraid of!

Sicher, man muss sich Herantasten an das Wesen einer solchen Beziehung. Mehr, als man es in einer „Nahbeziehung“ müsste.

Man fragt sich: „Wie bekommen wir das am besten geregelt?“ Das gab und gibt jedem Fernbeziehungsler aber einen wesentlichen Vorteil: Es wird sich weniger reingestürzt und seltener für selbstverständlich genommen. Es muss mehr gesprochen und gewertschätzt werden und das von Anfang an und immer wieder.

Wie essentiell gute Kommunikation ist, wird uns immer am deutlichsten in Zeiten, in denen wir physisch nicht beieinander sein können.

Nach fast 3 Jahren, wissen Ruy und Ich, dass an manchen Tagen, für manche Wochen Reden alles ist, was wir haben. Und wie gut wir darin geworden sind!

In dem Moment, in dem uns bewusst wurde, wie essentiell es ist, ehrlich seine Empfindungen und Meinungen auszusprechen(und zwar alle und immer!!!), entstand Vertrauen und Wohlbefinden von ganz allein.

Mit zurückziehen, ignorieren und Mauer aufbauen würden wir nicht weit kommen.

Heute könnte unser Austausch ausgelassener und ehrlicher kaum sein.

Den Vorzug, den andere Paare genießen, „sich eh immer zu sehen“, den haben wir nicht. Daher tapsen wir aber auch nie in die Falle des „Kann ich immer noch später machen“.

Das ist ein klarer Vorteil und das sehe ich als absolut wertvoll an. Alles andere würde ich als „schwer“ empfinden.

Fernbeziehung hat eben doch auch seine Vorzüge.  Unkonventionell und voller Unsicherheiten – trotzdem haben wir etwas, was andere nicht haben. Nämlich Ferne und begrenzte Zeit miteinander. Stolz sind wir darauf, denn das macht uns zu leidenschaftlichen Genießern und Kommunikationsprofis.

Auf die Gefahr hin einen falschen Eindruck erweckt zu haben: Liebend gerne beantworte ich immer alle Fragen rund um das Thema Fernbeziehung, denn nur was man „normal“ vorlebt, kann auch irgendwann zu einer gesellschaftlichen Normalität werden.

Nur der negative Ruf der Fernbeziehung und seiner Beteiligten sollte ein Ende finden.

Eine Beziehung ist nie falsch oder weniger wert, nur weil sie nicht so ist wie alle anderen.

Ich finde wir können von jeder Beziehung etwas lernen und uns inspirieren lassen.

Wer wirklich interessiert ist sollte immer fragen. Wer sich eine negative Antwort erhofft, um sich dann besser in seiner eigenen Beziehung zu fühlen, der lässt es lieber bleiben.

Eine Fernbeziehung bedeutet nicht fremd und ungewöhnlich. Es bedeutet neue Erkenntnisse. So gesehen sind wir Pioniere, die ihre Sicht auf das Thema Partnerschaft erweitert haben.

Meine Fernbeziehung ist genau so perfekt wie deine Nahbeziehung. Nämlich gar nicht und dennoch absolut.

Bis bald

Saludos y un besito

Vistas maravillosas en San Cristobal, Las Palmas de Gran Canaria
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