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2.20 Zeitverständnis

Gerade läuft die Fußball EM. Das dürfte keinem entgangen sein. Das Schöne an einer zwei Nationalitäten-Beziehung während einer EM ist, dass du im besten Fall immer ein Team dabei hast, welches du anfeuern kannst. Wenn du Glück hast auch bis zum Schluss.

Nach dem Abgang der deutschen Mannschaft, habe ich letzten Dienstag natürlich, zusammen mit Ruy, der spanischen Mannschaft die Daumen gehalten. Hat leider nichts genützt 🙁

Manche EM-Spiele schauten wir uns, fernbeziehungserprobt, zusammen via Videochat an. Der eine in Las Palmas auf dem Sofa, die andere in Frankfurt.

Das Problem war, dass die Programme leicht zeitversetzt liefen. Ruy war immer ein paar Sekunden schneller als ich.

Das raubte mir jeden Funken Laune für das Spiel.

Mir wurde so bewusst wie noch nie, wie viel Emotion, Spannung, sogar Lebensfreude uns genommen wird, wenn wir bereits wissen was passieren wird.

Jedes Mal, als ich einen spanischen Spieler auf das italienische Tor zupreschen sah, schnellte mein Puls hoch, um eine Sekunde später genauso schnell wieder abzufallen, da ich wusste, dass nichts passieren würde. Schließlich hätte Ruy sonst vor 5 Sekunden bereits gejubelt.

Etwas frustriert legten wir auf, denn so kann man schließlich keinen Fußball schauen.

Viel einleuchtender war für mich war allerdings die Erfahrung der genommenen Vorfreude.

Wie oft wünschen wir uns zu wissen, was die Zukunft für uns bereithält. Was wir manchmal geben würden, um einen kleinen Blick in die kommende Zeit zu erhaschen, nur um uns zu vergewissern, dass alles „gut“ werden wird.

Was für ein Glück, dass das nicht geht!

Ich habe es beim Fußballspiel gemerkt. Je mehr Einblicke wir in das haben, was kommt, desto langweiliger und platter wird das reale Erlebnis. Im Grunde genommen komplett emotionstot. Das würde kein Mensch für sein Leben wollen.

Stellen wir uns nur mal vor, wir wüssten, dass in der Zukunft, genau das eintritt, was wir immer wollten. Wir wären der kompletten Vorfreude und des Nervenkitzels beraubt. Es wäre keine Überraschung mehr für uns. Wir würden nicht die Last spüren, die von uns abfällt in Form von jahrelanger Arbeit oder monatelangen Bangens.

Große Ereignisse im Leben und außergewöhnliche Momente sind deshalb so besonders, weil man es zeitweise gar nicht für möglich hält, dass sie eintreten werden.

Wenn sie es dann auf unglaubliche Weise trotzdem tun, möchten wir die Welt umarmen für dieses Glück und genau dann empfinden wir unser Leben oft am lebenswertesten.

Wüssten wir schon was kommt, würden wir einen Einblick in das Zukünftige gehabt haben oder auch nur die nächsten 10 Sekunden kennen, wäre dieses Gefühl heiße Luft.

Wir würden aufhören zu kämpfen, für unser Glück, für Sicherheit, für Erfolg.

Wir alle wurden geboren von einer Frau, die nicht wusste, ob wir gesund zur Welt kommen. Sie hat gekämpft für uns. Anders würde es gar nicht funktionieren.

Genauso hält es sich mit Schicksalsschlägen. Wüsste man, um die harten Zeiten, die einen erwarten, würde man dann bereitwillig weitermachen wollen? Sicher nicht. Aufgrund dessen können wir uns glücklich schätzen, dass unser Leben kein zeitversetzter Livestream ist, sondern pures Erlebnis. Ganz gleich wie schwer man von ihm getroffen wird.

Wenn alles was einen Menschen davon abhält eine Entscheidung zu treffen, das Argument ist „es ist nicht der richtige Zeitpunkt“, dann sollte man dieses Argument als ungenügend über Bord schmeißen und es einfach anpacken.

Sorgen über Probleme, die entstehen könnten, sind unnütz. Mit einer neuen Entscheidung entstehen neue Gegebenheiten, damit ein neues Ich, neue Ressourcen und somit auch neue Lösungswege für alle möglichen Erschwernisse. Die Zeit läuft immer weiter und verändert alles. Das heißt aus Problemen können solide Böden entstehen, die viel Potential für unsere kürzlich getroffene Entscheidung bieten.

Zeit ist direkt, unaufhaltsam, endlich. Wir sollten auch so sein.

Sie gewährt dir keinen Einblick in die Zukunft. Für sie spielt deine Lebensplanung keine Rolle. Sie läuft einfach. Sie nimmt keine Rücksicht auf dich, auch nicht auf deine Eltern oder deine Kinder.

Sie verändert ihren Rhythmus nie. Nur du kannst verändern und beeinflussen was, wie viel und vor allem wie du etwas machst, solange du noch Zeit hast.

Bis bald

Saludos y un besito

Las dunas de Maspalomas, Gran Canaria. Jede Menge Sand, der verrinnt wie die Zeit.
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