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2.14 Fazit aus dem Aussichtslosen

Schon des Öfteren fiel mir in letzter Zeit auf, dass ich Sätze sagte, wie „…insofern war ich total dankbar für Corona“ oder „ohne diese Pandemie hätte ich nie…“.

Wie ungewöhnlich. Das passt ja nun gar nicht mit der negativen Grundstimmung der Gesamtbevölkerung zusammen. Geschweige denn mit der Müdigkeit, die alle gegenüber dem pandemischen Leben empfinden.

Ernst gemeint habe ich diese Aussagen trotzdem und ich würde es auch immer wieder sagen.

Ich habe nachgedacht und mir ist aufgefallen, dass wir ohne diesen unvorhersehbaren Corona-Schreck einfach so weitergelebt hätten wie bisher.

Ich meine damit nicht nur in Bezug auf Wirtschaft, Verkehr und Klima. Was ich ansprechen möchte, geht in die private, menschliche Richtung.

Mein Leben war so schnelllebig, so rastlos. Es ging immer voran. Es musste. Stillstand war überhaupt nicht vorgesehen. Stillstand hat innerlich gestresst.

Es gab ja immer was zu tun, immer jemanden zu treffen, immer neue Karten zu reservieren für immer neue Events.

Haben wir nicht alle diese Momente in unserem Alltag gehabt, wo wir nicht mehr „weiter wollten“ und uns nach dem bald anstehenden Urlaub gesehnt haben, wo wir „endlich mal Stillstand“ haben würden. Aber auch da stand die innere Maschinerie ja nie wirklich still.

Wenn wir ehrlich sind, haben wir uns alle schon mal so eine Notbremse gewünscht. Eine wo „es nichts mehr zu tun gibt“. Erinnert ihr euch? Damals, als wir fast täglich über unsere stressigen Alltage geklagt haben…?

Natürlich hat sich kaum einer eine so lang andauernde Notbremse gewünscht, aber das ist jetzt nun mal so. Wir müssen Geduld haben. Und wer sie nicht hat, der bekommt sie in genau solchen Zeiten gelernt.

Ich muss sagen, ich bin heute nach gut einem Jahr Pandemie und langsamen Ende in Sicht, gewillt schon mal ein Fazit zu ziehen: Ich bin dankbar für den Stillstand. Ich bin dankbar, dass die Menschheit mal ausgebremst wurde und Alltagshektik und Ablenkung im Überfluss der Hahn zugedreht wurde. Nichts anderes als ein „pandemisches Schicksal“ wie dieses, seien wir ehrlich, hätte das geschafft.

Zugegeben es war schon ein ziemlich radikaler, brutaler Einschnitt. Aber Hand aufs Herz, anders wäre es doch nie dazu gekommen.

Wäre Corona nicht gewesen, hätten wir es vielleicht nie geschafft uns einfach mal wieder mehr auf das Wesentliche zu besinnen. Auf Familie und die ehrlichsten Freunde. Auf Menschlichkeit und die Natur um uns herum. Auf Freiheit und den großen Wert des Nichts-tuns.

Ich hätte einfach so weitergemacht wie bisher, ich hätte mir niemals die Zeit genommen, mal ein paar Dinge im meinem Leben zu hinterfragen. Einfach weil ich mir niemals Zeit dafür eingeräumt hätte. Man musste ja ständig „weiter“.

Wir wissen nichts mit uns anzufangen, weil wir es vorher auch nie mussten. Endlich sind wir mal gezwungen uns mehr mit uns selbst zu beschäftigen.

Immer zu konnten wir uns tausenden Ablenkungsmöglichkeiten zuwenden. Natürlich geht das jetzt gerade auch noch, jedoch hat sich die Auswahl so drastisch reduziert, dass den Menschen plötzlich langweilig wird.

Langeweile? Gibt es das wirklich noch? Das ist das was passierte, bevor wir Smartphones hatten, geschweige denn Internet. Aus Langeweile, das wissen unsere älteren Geschwister, Eltern und Großeltern noch viel besser als wir, wurde Fantasie geboren und Innovation, ehrliche Gespräche geführt und loyale Freundschaften geschlossen.

Ich will hier keinen falschen Eindruck entstehen lassen. Ich bin mir der negativen Auswirkungen einer solchen Situation durchaus bewusst. Ich weiß, dass für viele Menschen diese Form von Selbstisolation sehr schädlich, gar tödlich sein kann.

Trotzdem muss man immer beide Seiten der Medaille betrachten und wo Platz ist für Negativberichterstattung, muss auch Platz sein für einen Silberstreifen in der grauen Monotonie.

Ich glaube, dass aus allem etwas Positives gezogen werden kann, immer! Anders möchte ich persönlich auch einfach nicht leben. Ich vertrete die Überzeugung, dass egal was da Furchtbares auf mich zukommen mag, ich immer etwas Brauchbares daraus drehen kann. Das ist meine persönliche Verantwortung, die ich für mich selbst trage. In Fachkreisen würden man das wohl Resilienz nennen.

Den positiven Aspekt, denn ich aus Corona Zeiten ziehe, ist das diese moderne, immer hektischere Welt, einmal in die Knie gezwungen wurde. Gemüter wurden wachgerüttelt, Einstellungen haben sich geändert.

Hätten wir uns ohne diesen Schocker wirklich so massiv die sozialen Brennpunkte der Gesellschaft vor Augen gehalten, so oft miteinander über Werte und was wirklich wichtig ist gesprochen?

Hätte jeder begriffen, wie systemrelevant Supermarkmitarbeiter sind und wie fragil eigentlich unser Gesundheitssystem ist?

Wie hilfebedürftig und verwundbar wir eigentlich alle sind?

Hätten wir so gemerkt, dass es nicht immer schneller, weiter, krasser sein muss, sondern dass das in eine Sackgasse führt?

Ohne erzwungenen Stillstand, wären wir seelisch, moralisch, emotional immer noch da wo wir 2019 waren. Endlich wurden wir mal dazu angehalten (im wahrsten Sinne des Wortes) uns mit uns selbst zu beschäftigen, weil keine Ablenkungen 24/7 unseren Geist umtreiben.

Vielleicht wäre das ein guter Zeitpunkt sich zu fragen, was man wohl nie gemacht oder rausgefunden hätte, wenn die Pandemie nicht über uns gekommen wäre.

Natürlich kann man immer sagen: „dann wäre es irgendwie anders passiert“.

Aber warum jetzt alles unnötig kompliziert machen.

Ich habe so einiges gelernt, herausgefunden und geändert. Dinge, die niemals an mich herangetragen worden wären, wäre der völlige soziale, ökonomische – ja globale Umschwung, in Form einer Pandemie, nicht gekommen.

Denkt mal darüber nach und findet euren wunderbaren Silberstreifen, den euch auch keine bald wieder einkehrende Alltagshektik mehr nehmen kann.

Bis bald

Saludos y un besito

„Teide über den Wolken“, Teneriffa – ein Bick aus dem Flugzeug. Ganz und gar nicht aussichtslos!
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3 Antworten auf „2.14 Fazit aus dem Aussichtslosen“

Liebe Fine,
Deinen Beitrag empfinde ich als etwas erheiterndes und heilsames. Danke und Dir eine schöne Zeit.
Herzliche Grüße aus Stuttgart

Lieber Krisztian,
Das freut mich wirklich total zu hören und macht mich ganz happy, denn das war und ist ja auch meine Intention !
Ich freue mich über jede Weiterempfehlung:)
Alles Gute dir !
Grüße zurück aus Frankfurt 🙂

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