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2.11 Das neue jung ist alt

Es ist nicht lange her, da konnte mein Freund Ruy endlich auch mal meine Oma kennenlernen. Die alte Dame ist schon stolze 98 Jahre alt und war bisher noch nicht in den Genuss gekommen, Ruy persönlich zu treffen.

Um ganz ehrlich zu sein, hatte ich vor zwei Jahren, als ich ihr von meinem neuen Freund erzählte, der in Spanien lebt und kein Deutsch spricht, ein bisschen Stirnrunzeln erwartet. Der Generationslücke geschuldet, dachte ich, ich würde auf ein wenig Unverständnis stoßen. Doch schon damals hätte sie liberaler nicht sein können.

„Das ist doch egal“, sagte sie, als ich erklärte, dass sie sich nicht mit ihm auf Deutsch unterhalten können würde. „Spanisch, Italienisch, Deutsch spielt alles keine Rolle – hauptsache es steckt ein guter Mensch dahinter.“ Wie Recht sie hat.

Für mich war es erstaunlich, sowie ernüchternd, dass so eine tolerante Aussage aus dem Mund einer 98 Jährigen kommt, da man dieser Generation durchaus ein etwas „vernagelteres“ Gedankengut verzeihen würde.

Mir scheint es, als würden die älteren Generationen oft viel zynischer und verschlossener eingeschätzt werden, als sie es eigentlich sind.

Natürlich, nach fast zwei Weltkriegen (meine Oma erlebte selbst nur den zweiten Weltkrieg, ist aber Tochter der „ersten“ Kriegsgeneration), akzeptieren wir eine gewisse Skepsis dieser Generation unserer modernen Weltoffenheit gegenüber. Deswegen bin ich umso dankbarer dafür, festgestellt zu haben, dass auch „alteingesessene“ Charaktere noch überraschen können.

Als sie nun Ruy kennenlernte, erinnerte ich sie nochmals daran, dass sie nicht die gleiche Sprache sprechen. Dennoch, anstatt Scheu, Verwirrung und Zurückhaltung, erlebten wir erneut Tatendrang und Offenherzigkeit. Die Sprache sei doch gleichgültig, wiederholte sie erneut, Hände schütteln könne man schließlich mit jedem. (außer in Corona Zeiten…)

Es mag überflüssig klingen, aber ich habe dieses Beispiel von Akzeptanz, als sehr erfrischend empfunden. Ich selber lege auch viel Wert darauf eine tolerante und weltoffene Lebensweise zu praktizieren. Genau deswegen war die Offenheit meiner Oma von einer großen Gewichtigkeit für mich.

Ich glaube, das unangenehme Gefühl, eine ältere Generation könnte kein Verständnis für die eigene Situation oder das eigene Lebensmodell haben, ist jedem bekannt. Wir stehen fast unser ganzes Leben unter Beobachtung unserer Eltern und Großeltern und nicht nur einmal stößt man auf Unverständnis oder hält die Älteren selbst für absolut engstirnig.

Passiert aber das Gegenteil, freut man sich ganz einfach verstanden zu werden und auf einer Wellenlänge zu sein mit einer Generation, die einem ferner nicht sein könnte.

Ich habe jedenfalls die Erkenntnis gewonnen, dass auch wir „Jungen“ den Fehler nicht machen sollten, den wir den „Älteren“ ach so oft vorwerfen oder in der Vergangenheit vorgeworfen haben: nämlich die andere Generation zu unterschätzen, ihr nicht zuzutrauen, noch viel mehr auf dem Kasten zu haben, als wir annahmen.

Ich ziehe meinen Hut vor meiner Oma, die sogar noch mit 98 Jahren vor keiner neuen Erfahrung zurückschreckt und weiß, sich an jede ihr noch so fremde Situation anzupassen.

Auf meine Fernbeziehung jedenfalls hat meine fast 100 Jahre alte Oma „jünger“ reagiert, als einige andere Generationen nach ihr.

„Das neue jung ist alt“ und das stimmt mich, die auf die 30 zugeht, sehr sehr zuversichtlich.

Bis bald

Saludos y un besito

La abuela

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