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40. Umgekehrte Psychologie

Stell dir vor, dein Kopf ist ein bisschen größer, als der der anderen oder dein Hals überdurchschnittlich lang. Stell dir vor, du hast früh aufgehört zu wachsen oder bist ein auffallend heller Hauttyp. Dieses Merkmal steht ja nun schon mal für sich. Meistens sind es genau diese wunderbaren Einzigartigkeiten an uns, die wir eben nicht mögen, wofür wir uns manchmal sogar schämen.

Du schätzt dich glücklich, wenn dieses Alleinstellungsmerkmal mehr oder weniger unkommentiert durch die Schulzeit kommt.  

Wenn du nicht ständig darauf aufmerksam gemacht wirst. Und vor allem, wenn es keinen Standardplatz in der Beschreibung deiner Person einnimmt.

Das ist der Vorgang, wie ich ihn kenne. Ich bin mir sicher, so oder so ähnlich sehen das die meisten Menschen.

Die spanische Kultur, sprich Ruys Leben, hat mich mal wieder eines anderen belehrt, wie sich herausstellte, eines besseren.

Eine Form von umgekehrter Psychologie ist, was die Spanier anwenden, um stets zufrieden mit sich sein zu können. Was es damit auf sich hat, erkläre ich jetzt.

Ruy hat mir schon sehr früh in unserer Beziehung gestanden, dass er gerne mal „blanquito“ gerufen wird. Das bedeutet „kleiner Weißer“. Dass mein Freund nicht das Klischee des braun gebrannten, südländischen Inselbewohners erfüllt, wusste ich. Er ist eben einfach von Natur aus ein heller Hauttyp. Aber deshalb „blanquito“ gerufen zu werden, schien mir etwas gemein.

Wieder einmal wurde ich aber überrascht. Es wäre doch eine ganz offensichtliche Taktik. „Unter Freunden betiteln wir uns pausenlos mit Gemeinheiten“, erklärt Ruy. Hier kommen diese Alleinstellungsmerkmale ins Spiel, von denen ich gesprochen habe. Ist dein Kopf etwas groß, bist du „la cabeza“ (der Kopf), ist dein Hals etwas länger als normal, kennt dich jeder unter „el cuello“ (der Hals) und wenn du eben nicht so braun gebrannt, bist wie alle anderen, bist du „blanquito“, „leche“ (Milch) oder „albino“.

So was gemeines, oder? Nein, hilfreich!

Vor allem Jugendliche und Nachbarskinder machen viel Gebrauch von diesen gut gemeinten Beleidigungen. Der Gedanke dahinter, abgesehen von jeder Menge Spaß, ist, unter Freunden genau das Merkmal herauszupicken und zu zelebrieren und es im wahrsten Sinne des Wortes, „beim Namen zu nennen“, welches sonst jedem Kind zu schaffen macht.

Was ich von mir annehme, ohne Scham, können andere, mir nicht gut gesinnte Menschen, nicht mehr als Waffe gegen mich einsetzten.

Ruy war es so gewohnt „el blanquito“ zu sein, dass ein jeder der ihn „leche leche“ gerufen hätte, ihn damit nicht mehr getroffen hätte. Provoziert – bestimmt, zur Weißglut gebracht – möglich, aber gekränkt oder beschämt – das sicher nicht mehr.

Das wunderschöne Sprichwort dazu:

„Aprendí a quererme mucho antes que los demas herirme“

Ich habe gelernt, mich selbst zu lieben, lange bevor andere mich verletzten.

Und das machte es wiederum völlig einleuchtend für mich. Nicht nur das, es gibt all den Beleidigungen, die ich mir von Ruy mal hab aufzählen lassen, gleich eine ganz andere Qualität.

Bloßstellen als neue Therapiemaßnahme! So bleiben diese Eigenschaften auch einfach was sie sind – oberflächliche Eigenschaften und keine Gründe, sich klein zu fühlen.

Es soll sogar solche geben, die „ihr besonderes Merkmal“ vollends als einen entscheidenden Teil ihrer Persönlichkeit anerkennen. Das würde dann so aussehen: „Hola, soy Roberto, el cuello“. Das nimmt natürlich jedem herabsetzenden Kommentar den Wind aus den Segeln.

Und weil ich so gelacht habe, kann ich euch ein paar der gängigsten Äußerungen nicht vorenthalten:

Beispielsweise können einem schon allein ein paar schmale Augen den Spitznamen „el chino“ (der Chinese) bescheren und eine braun gebrannte Haut verleiht den Titel „el negro“ (der Schwarze)

„El gordo“ (der Dicke) und „el enano“ (der Zwerg) ist ziemlich selbsterklärend oder?

Es gibt aber auch einige herrlich kreative und individuelle Kreationen. Ruy erzählte mir, dass es in der Nachbarschaft einen kleinen Kerl gab, aber „el enano“ (der Zwerg) war schon belegt. Da griffen sie kurzerhand auf „compota“ (Kompott) zurück. Da Kompott ja nun mal etwas ist, was Kinder essen um groß und stark zu werden, und dieser Junge eines sicher nicht war, nämlich groß, schlossen sie darauf, dass er wohl nicht genug Kompott zuhause isst- so wurde er unter den Nachbarschaftskindern „compota“ getauft.

Ein anderer war mit zwei sehr muskulösen Beinen ausgestattet, was ihm den Namen „gemelo“ (Wadenmuskel)einheimste. Natürlich kam seit diesem Zeitpunkt einige Male die Frage auf, wer denn sein Zwilling sei? Denn „gemelo“ bezeichnet zum einen den Wadenmuskel, bedeutet aber auch Zwilling.

Ein rothaariges Mädchen musste sich mit „clipper“ anfreunden, da ihre roten Haare genau die gleiche Farbe hatten, wie das gleichnamige orange-rote Getränk.

Zu guter Letzt möchte ich das Ganze noch abrunden mit „bola 8“ (die schwarze 8 Billardkugel), der Spitzname eines korpulenten, dunklen Kerls.

Das schöne ist, alle kommen dran – keiner wird verschont.

So bleibt Ruy mein „blanquito“, wenn er nervt und ich werde liebevoll „gordita“ (kleine Dicke) von ihm gerufen, wenn ich vom Essen mal wieder nicht genug kriegen kann.

Also ihr locos da draußen, habt einen herrlichen vierten Advent, bleibt zuhause und passt auf euch auf!

Und für alle Genies, die ihre Maske nur über Mund, aber nicht über Nase tragen, haben die canarios auch eine nette Beschreibung gefunden:

„Llevar una mascarilla con la nariz por fuera es como llevar pantalones con el pene por fuera“

Eine Maske mit der Nase draußen zu tragen, ist wie Hosen zu tragen und der Schwanz hängt raus

…in diesem Sinne

Bis bald

Saludos y un besito

Mitten in der Nacht. Blick auf den Vollmond. Unsere Wohnung in Las Palmas.
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Eine Antwort auf „40. Umgekehrte Psychologie“

Liebe Fine,

interessantes Thema, nie darüber nachgedacht! Wieder einmal steckt viel Wahrheit drin und sind absolute Lacher dabei. Toll geschrieben. Danke 🙂

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