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37. Der Kick zurück in die Realität

Kürzlich musste mich mein Freund Ruy mal ermahnen und das völlig zu Recht. Leider… Ich mag es gar nicht ermahnt zu werden. Ich bin „natur-stur“ und wollte schon als Kind immer das letzte Wort haben.

Es bringt leider gar nichts es zu verleugnen, besser ich akzeptiere diese Schwäche einfach an mir und versuche einfach das ein oder andere Mal dagegen zu wirken.

Da die Pandemie immer noch wütet und Ruy und ich beide gleichermaßen viel beschäftigt sind, fand das Gespräch, und der erwähnte Vorwurf, in gewohnter Manier, per Videochat statt. In diesem Moment, ich will ehrlich sein, hätte ich am liebsten einfach aufgelegt. Diese unverschämt gut begründete Predigt wollte ich mir nicht anhören, denn sobald sie mal zu mir durchgedrungen ist, geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf und ich muss mir eingestehen, dass ich nicht Recht habe. Und das mag ich gar nicht.

Ich bin mir sicher, alle anderen Sturköpfe unter euch, können mein Gefühl nur zu gut nachvollziehen. Dieses Gefühl von totaler Ungerechtigkeit, in dem Moment, wenn dir jemand die Wahrheit an den Kopf wirft. Leider Gottes war es absolut nötig, egal, als wie unangenehm ich es auch empfand.

Ruy hatte zu bemängeln, dass ich mit all den Sorgen und Gedanken, die ich mir so minütlich mache, völlig vergesse, wie viel Gutes es um mich herum gibt. Im Grunde gibt es mehr als genug, um „fröhlich umher zu springen“, sagt er, anstatt immer besorgt zu sein.

Ein Mensch, der sich gerne und zu viele Gedanken macht, vergisst manchmal für die wirklich relevanten und – Achtung –tatsächlich realen Dinge dankbar zu sein.

Ich glaube, die Zahl der „Überdenker“ in unserer Gesellschaft ist eine erschreckend hohe. Mit Überdenker meine ich solche, die sich unnötige viele Sorgen machen über Gegebenes und/oder über Eventualitäten grübeln.

Für mich persönlich ist das schon fast wie eine Sucht. Ich kann nur sehr schwer die Dinge einfach auf mich zukommen lassen. Nichts was gerade in meinem Leben passiert oder eventuell noch passiere könnte, lasse ich unkommentiert in meinem Kopf.

Wäre das eine zielführende und hilfreiche Eigenschaft, hätte mir es Ruy mit Sicherheit nicht vorgeworfen. Aber das ist es nun mal nicht. Via Netz und Bildschirm muss sich Ruy momentan eine unverhältnismäßig große Menge Hirngespinste anhören.

Mit seinem Vorwurf, ich solle doch, während meiner Denkerei, nicht immer alles Stabile und Gute in meinem Leben vergessen, hat er mich direkt zurück in die Realität gekickt. Zum Glück. Auch wenn ich damals am liebsten aufgelegt hätte, bin ich ihm heute unendlich dankbar.

Gerade, wenn man viel Stress und Unsicherheit erlebt – wer ist davon schon verschont in Coronazeiten ?- tendiert man dazu sich in dieser Tragik und Dramatik zu suhlen.

Wie heißt es so schön, „man badet in Selbstmitleid“. Richtig, und jemand der heiß badet, der brauch auch keine sanften Worte, um aus diesem Pool wieder heraus gelockt zu werden, sondern einen kräftigen Kick ohne Scheu und Zurückhaltung.

Es gibt doch so vieles woran wir uns festhalten können in unserem Leben, worüber wir uns definieren können. Komischerweise, glaube ich, dass die meisten Menschen, allerdings eher die negativen Elemente wählen, um ihre Gefühlscollage des Tages zu gestalten.

Ich habe insgeheim die Theorie, dass wir alle unterbewusst verzweifelt nach Anerkennung und Zuneigung suchen. Wahrscheinlich folgt der erste menschliche Trieb dem „nörgeln“, in der Hoffnung, dass macht uns zugänglicher.

Aber vielleicht ist auch das wieder ein kulturelles Problem. Ich habe schon häufiger von dem Talent der canarios berichtet, die Leichtigkeit im Leben zu zelebrieren und sich an allen kleinen Momenten des Tages erfreuen zu können.

(references: Der Dreiteiler – Artikel 6.Lieber Zufriedenheit, als Profit, Artikel 7.Herzlichkeit durch Umgang und Sprache, Artikel 8.Voller Magen, glückliches Herz)

Das ist definitiv etwas, woran ich noch arbeiten muss. Immer, wenn man mal wieder in die Sorgenfalle rutscht, muss man sich einfach dazu anhalten, sich über all seine Glücksgriffe im Leben zu definieren und über nichts anderes.

Eines ist uns sicher, man kann darauf vertrauen, dass man die richtigen Ressourcen, das richtige Werkzeug an der Hand hat,  wenn wahrhaftig in der Zukunft der Zeitpunkt kommen sollte, in dem sich ein Problem auftut.

Bis dahin, müssen wir hoffen, wir Sorgenmacher und Überdenker, dass, die uns wichtigen Menschen in unserem Leben, uns mit gut gemeinten Vorwürfen wieder zurück in die Realität katapultieren. In die Realität, in der wir die Zügel in der Hand haben und nicht unsere Gedanken und Sorgen.

Bis bald

Saludos y un besito

Casa de Colón, Altstadt von Las Palmas
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