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29. Bremsklötze

Vor kurzem hat mich meine Beziehung mal wieder zum Nachdenken angehalten. Ruy und ich unterscheiden uns in einer Sache sehr deutlich. Symbolisch gesehen, bin ich ein Mensch, der gerne vorsprintet, immer über neue Möglichkeiten nachdenkt im Leben, ich möchte ja keine Zeit mit zu viel rumtrödeln verlieren.

Seitdem ich Ruy kenne, weiß ich, dass mir in vielen Lebensmomenten einfach die Coolness fehlt, die Gelassenheit auch mal etwas für einen Moment „sein“ zu lassen. Er hat Recht. Man ist überrascht, wie sich manche Dinge entwickeln können, wenn man ihnen mal etwas Zeit schenkt.

Intensität und Abwechslung im Leben können sicherlich auch auf eine entschleunigtere Art und Weise entstehen. Ich habe allerdings eine andere Herangehensweise: die totalitäre Machtübernahme. Ganz deutlich gesagt, ich möchte die Kontrolle haben. Zum Teil werden wir wohl durch unsere Herkunft geprägt, eine große Rolle spielt aber auch einfach die Persönlichkeit.

Ich kam nicht umher an Bremsklötze und ihre Bedeutung zu denken. Mit Ruy an meiner Seitelernte ich zum ersten Malmeine Lebensdynamik etwas zu ändern. Er lernt auf der anderen Seite mal einen Sprinter kennen, jemand der süchtig ist nach sichtbarem Fortschritt.

Was sind Bremsklötze nun und warum sind die so wichtig?

Bremsklötze sind als nichts anderes zu verstehen als Pausen. Sie sind ein essentieller Teil unseres Lebens. Ein Leben ohne sie gibt es nicht. Wenn doch, dann ist es kein sehr langes. Bremsen wir uns nicht selber mal ab und zu aus, tut es dann die Erschöpfung, Krankheit oder Überforderung für uns.

Wir können uns glücklich schätzen, haben wir tolle Menschen in unserem Leben, Partner, Freunde oder Familie, die uns liebevoll ausbremsen und uns somit wertvolle Zeit des „Nichts tuns“ schenken.

Dieses „Nichts Tun“ hat, trotz seines negativen Rufes, eine entscheidende Bedeutung. Geben wir uns auch mal Auszeiten, geben wir uns Zeit zu wachsen. Es muss nicht immer alles was wir tun einen direkten sichtbaren Outcome haben, auch wenn das heutzutage die Philosophie unserer Gesellschaft ist.

Aus dem zu Ruhe kommen, dem „Nichts Tun“, dem Entspannen mit einer trivialen Aktivität, kann tatsächlich etwas Neues entstehen. Kreativität wird schließlich nicht aus einem vollgepackten, „produktiven“ Tag geboren. Selbstreflektion, auch nicht. Dabei ist das reflektieren des Selbst oder der familiären, freundschaftlichen oder romantischen Beziehungen, maßgeblich für unsere Weiterentwicklung. Wir müssen dem Kopf Stillstand und Ruhe geben, damit er sich dafür Zeit nehmen kann.

Nicht nur das Reflektieren, sondern mal bewusst den Moment genießen oder wirklich bewusst einer Tätigkeit nachgehen, ist etwas was mehr und mehr in unserer modernen Schnelllebigkeit verloren geht. Wenn wir mal zuhause sitzen und einen Tag nur für uns sind und lesen, kochen oder Sport machen (ein von der Gesellschaft betitelter „Nichts Tun Tag, da kein sichtbarer direkter Fortschritt), wie oft sind wir dann wirklich „da“ in diesem Moment?

Ich habe mal darauf geachtet, wie oft ich Tätigkeiten nachgehe, aber dann über etwas Vergangenes nachgrüble oder nebenbei schon etwas „für später“ plane oder organisiere. Sogar in einer Konversation, erwische ich mich dabei abwesend zu sein. Wie oft habe ich einem Gespräch nicht meine vollständige Aufmerksamkeit gewidmet, weil ich gedanklich schon einen bis 357 Schritte weiter war.  Das sind wohl die Momente in denen wir unsere –mentalen- Bremsklötze anlegen müssen.

Das was wir tun, sollten wir wirklich tun, ohne mental zu wandern. Lieber mal ausbremsen und lernen ein bisschen abzuwarten, anstatt die Kontrolle über das Unkontrollierbare zu ersehnen oder zu erzwingen zu versuchen.

Der Gegenspieler hier ist unsere „Angst vor dem stehen bleiben“. Man fragt sich, besorgt, ist es gefährlich ohne diese Angst zu leben? Wird man ohne sie zu bequem?

Eines ist sicher, da sich immer alles verändert – das ist Fakt – können wir erwähnte Angst aus unserem Repertoire streichen. Wichtig ist, dass wir die stattfindenden  Veränderungen zu unserem Vorteil nutzen. Dass wir mit der Zeit gehen. Das gelingt nur, wenn unsere Bremsklötze nicht zu bequemen Dauerparkern werden, sondern wir sie gezielt da einsetzten, wo sie von Nutzen sind.

Der Wunsch, das Verlangen immer zu wachsen, immer die besseren Entscheidungen zu treffen, nie stehen zu bleiben und immer weiter zu rödeln – ist zwar nicht verkehrt, aber ohne mal innezuhalten, haben wir auch keine Möglichkeit, vielleicht schon entstandene positive Ergebnisse zu sehen, oder?

Mein Fazit also, nutze deine Bremsklötze, wertschätze sie!

Aber verwende sie nicht als Vorwand nicht mal ein Risiko, ein Abendteuer oder eine Chance zur Horizonterweiterung einzugehen.

Ich hoffe ihr habt es genießen können, diesen Artikel zu lesen und ich hoffe ihr habt es ganz bewusst getan, ohne gedanklich schon wieder wo anders zu sein.

Mir fällt es immer noch sehr schwer, aber glücklicherweise, kann man das trainieren.

Bis bald

Saludos y un besito

Ausblick – Sonnenuntergang, Roque Nublo
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