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25. Die Geschichten, die wir uns erzählen

Mittlerweile kann ich überzeugt sagen, dass sich Las Palmas, Gran Canaria, wie eine zweite Heimat anfühlt. Schon am Flughafen, kenne ich mittlerweile jeden Weg und Winkel. Die meisten Gassen und Straßen in der Stadt sind mir vertraut. Ich fühle mich definitiv weniger als Touristin, wenn auch wahrscheinlich nie ganz als echte „canaria“. Muss ja auch nicht sein.

Ein schönes Gefühl ist das, Ankommen. An so einem schönen Ort, an dem das Rauschen des Ozeans zum gängigen backround sound gehört, ist es bestimmt ein leichtes „anzukommen“, könnte man jetzt argumentieren.

Sicher, das macht es einfacher. Dennoch, es geht nichts über das persönliche Gefühl, welches sich an einem Ort entwickelt und festigt. Meeresrauschen hin oder her, wenn die Menschen, um dich herum, dir eine schwere Zeit bereiten, kannst du auch Sonnenuntergänge, Wellen und Sand nur bedingt genießen.

Glücklicherweise, hatte ich schon das Vergnügen mit vielen tollen Menschen hier in Kontakt zu kommen. Sucht man Inspiration für sich selbst, zum leben, zum schreiben oder als Input für den eigenen Job, muss man sich nur die Menschen, um sich herum ganz genau anschauen, ihnen zuhören. Jeder Mensch hat eine außergewöhnliche, einzigartige Geschichte zu erzählen. Jede Geschichte, deine, meine, seine und ihre könnte eine eins zu eins Vorlage für ein Drehbuch sein. Jedes unserer Leben würde einen grandiosen Film abgeben, da bin ich mir sicher.

Deswegen liebe ich es neue Menschen kennen zu lernen. Im ersten Moment kann es dich vielleicht unglaublich langweilen oder nerven. Viele Menschen nimmst du ohne Hintergedanken auch einfach als selbstverständlich hin. Und plötzlich wendet sich das Blatt und du hast das Gefühl der faszinierendste Mensch überhaupt sitzt vor dir.

Unsere eigene Geschichte zu erzählen, hat die Macht das Leben eines anderen zu verändern, wenigstens zu beeinflussen. Das haben wir alle in uns und das ist schon ziemlich cool.

Um aber jetzt nochmal den Fokus auf das nähere Umfeld zu rücken: Was für ein einzigartiges Gefühl das doch ist, wenn man von einer Person überrascht wird, von der man dachte man kennt sie bereits.

Kürzlich haben Ruy und ich mit unseren zwei engsten Freunden im Stammlokal „algunas copas“ (ein paar Drinks) getrunken. Am kostbarsten sind doch wirklich immer die Gespräche mit der bunten Themenvielfalt.

Wie ich es selber auch von meinen Freunden kenne, können wir unwichtige Dummheiten die Überhand gewinnen lassen, aber auch über das diskutieren und grübeln was man wohl „wichtigen, schweren Gesprächsstoff“ nennt.

Wir waren gerade noch dabei über die neusten deutschen Wörter zu sprechen, die Ruy sich momentan versucht anzueignen, als das Thema eine ganz andere, für mich sehr unerwartete, Wendung nahm. Mitten in meinem Versuch den drei Spaniern an meinem Tisch vorzukrähen, wie man unser ü,ö und ä ausspricht, bekomme ich die Frage gestellt, was eigentlich genau „der Führer“ bedeutet. (Das Ü war kurioser Weise die Überleitung dafür).

Es war ja schließlich „nicht nur ein Wort“, sondern ein regelrechtes Symbol. Das stimmt, so könnte man es sehen.

Erst einmal hatte ich das starke Bedürfnis aufzuklären, welchen Effekt dieses Wort auf Deutsche hat. Sogar auf so junge Baujahre, wie mich. Es ist ein bisschen wie Voldemort in der Harry Potter Welt, oder? Du hörst es und es ist irgendwie nicht richtig. Eine Information die meinen Sitznachbarn nicht bewusst war. Nichts desto trotz, kamen mir die drei extrem wissbegierig vor. Sie wollten hören und verstehen und zwar meine Sicht der Dinge und wie wir, die Deutschen, damit aufwachsen und umgehen.

Ich kann gar nicht beschreiben, da ich selber in diesem Moment davon überrascht war, was für ein erfrischendes Gefühl das ist. Die Tatsache, dass sich jemand einer anderen Kultur die Zeit nimmt und Lust hat über meine, unsere Geschichte zu lernen, tut einfach unglaublich gut.

Zwischen der Geschichte aller Länder herrscht soviel Unwissen, teilweise ist einfach überhaupt kein Wissen vorhanden. Auch wenn wir die Historie anderer Länder in der Schule behandelt haben, sind sie doch aus unserer Sicht erzählt, aus Büchern, die wir abgedruckt haben. Es ist und bleibt unsere Sicht der Dinge. Dabei ist es essentiell, auch um die andere Sicht Bescheid zu wissen.

Die Lust und der Wille Geschichte anderer Kulturen und Nationen kennenzulernen und gezielt bei den betreffenden Menschen zu erfragen, darf nicht untergehen.

Ich war absolut positiv überrascht, als ich erfuhr, dass unsere Freunde so interessiert an der deutschen Geschichte sind, dass sie sich schon Dokumentationen angesehen und Bücher gelesen hatten.

Und nun hatten sie Fragen, die sie natürlich am allerliebsten mir stellen wollten. Ohne Vorwurf in der Stimme oder Verachtung. Es war einfach der Wunsch diese unbegreifliche Zeit ein bisschen besser verstehen zu können und auch was das heute noch mit uns anrichtet.

Ich hatte keine Ahnung, aber es fühlt sich so wertvoll an, ein Interesse auf diesem Level entgegengebracht zu bekommen. Andersherum verhält es sich absolut gleich für mich. Ich bin der absolute Sucker für die Geschichte der „canarios“ und frage Ruy sehr oft danach.

So viele Missverständnisse und Stereotypen könnten aus der Welt geschaffen werden, wenn wir uns selber mehr Freiraum einräumen würden unsere Geschichten zu erzählen – ob das nun die Geschichte unseres Landes oder der private Werdegang ist.

Zu denken, dass es nichts an unserer Ansichtsweise ändert, wenn man sich gegenseitig über seinen Backround aufklärt, ist eine Fehlannahme. Ich glaube jede kleine Information, die du über jemanden erfährst, kann deine Sichtweise auf dieser Person ändern.

Das Gefühl unsere komplizierte, schamvolle Geschichte und ihre Nachwirkungen mal erklären zu können ist definitiv für mich unschlagbar gewesen.

Es tut einfach gut, wenn Menschen, mit einer komplett anderen Herkunft, bewusst einen Schritt auf dich und deine Geschichte zu machen. Also, hört zu, fragt nach – lasst euch inspirieren oder aufklären. Die Geschichten, die wir uns erzählen…sind Gold wert.

Bis bald

Saludos y un besito

Catedral de Santa Ana, Las Palmas
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