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24. Offen, offener, canario

Ich startete damals meine Artikel zu schreiben mit der Intention von meinen Erfahrungen zu berichten. Die Erfahrungen, die ich mache, während ich im engen Kontakt mit einer anderen Kultur und Lebensweise stehe. Oder zumindest sollte das mein persönlicher Motor sein, um Inspiration und Fülle für meine Artikel zu finden.

Gran Canaria, der Kulturschock? Nein, das nicht. Dennoch ist es erstaunlich, wie ich heute immernoch von Facetten der kanarischen Kultur überrascht werden kann.

Immer wieder stelle ich fest, wie unglaublich viel alle Menschen miteinander gemein haben, ganz unter Ausschluss der jeweilgen Kulturen. Es sind doch wirklich nur ein paar feine, kleine Details, durch die wir uns voneinander unterscheiden. Nichts desto trotz, diese Details sind die Essenz jeder Kultur. Ein Beispiel dafür, unteranderem, ist Artikel Nummer 6. Lieber Zufriedenheit, als Profit.

In dieser Thematik gewinnen vor allem folgende Fragen an Wichtigkeit: „Wenn es doch nur Feinheiten sind – warum können wir sie dann nicht ohne viel Aufwand genau dort adaptieren, wo sie gebraucht werden? Warum können wir diese wertvollen traditionell etablierten „Goodies“, nicht einfach in den kulturellen Bereichen einführen, in denen die dringende Notwendigkeit von Überarbeitung besteht? Einfach davon lernen, was andere deutlich besser machen, als wir selber.

Wie schön, wenn es so einfach wäre.

Ich ziehe daraus, dass wir wohl bei uns selber anfangen müssen. Funktioniert es nicht in einem Schwung, in einer Welle der Überarbeitung für alles und jeden, dann einfach in kleinen Schritten. Wir selber müssen die Veränderung in unserer Kultur sein, die wir uns wünschen.

Beispielsweise trage ich viel Gutes der deutschen Kultur immer mit mir. Unbewusst oder willentlich integriere ich es regelmäβig in unser Leben in Spanien.

Warum also sollte ich nicht auch weiterhin mein neu gewonnenes, kanarisches Wissen in mein Leben in Deutschland integrieren? Viel wichtiger noch, in diesen Artikeln nach auβen tragen, um möglichst viele Menschen zu erreichen, zu inspirieren oder vielleicht einfach das auszusprechen, was sich sowieso viele Leuten denken.

Mein neuster Aha-Moment während meiner Zeit auf Gran Canaria, war wieder eine dieser nackten Wahrheiten.

Die canarios pflegen eine sehr offene Kultur, das habe ich mittlerweile schon oft erwähnt. Vor allem was ihre Körperkultur angeht, haben sie eine sehr gesunde Einstellung. In Artikel 13. Gran Canaria – Das Überraschungsei, habe ich bereits geschildert, dass sich keiner für seinen Körper schämt oder Bedenken hat Haut zu zeigen. Das gehört hier einfach dazu. Damit wird sehr respektvoll und ja, einfach normal, umgegangen. Für sie ist es nichts auβergewöhnliches. Sie wachsen, im wahrsten Sinne des Wortes, mit der nackten Wahrheit auf.

Vielleicht ist diese offene, authentische Körperkultur auch der Grund dafür, wie unbeschämt mit Themen wie Persönlichkeitsfindung oder Sexualität umgegangen wird.

Erfrischend, dass das hier nicht hinter hervorgehaltener Hand und nur im stillen Kämmerlein passiert. Es scheint, als wären unsere Tabu-Themen, ein canarios täglich Brot. In Deutschland, nein eigentlich überall auf der Welt, spürt man eine Veränderung und mehr Unterstützung und Raum für Diversität. Trotzdem ist es ein leidig langer Weg, der immer noch viel Arbeit abverlangt. Was dieses Thema angeht, scheinen die canarios schon längst am Ziel angekommen.

Ruy erzählt mir immer wieder neue Geschichten über Menschen, die ihre wahre sexuelle Orientierung, ihr wahres Ich nun endlich für sich gefunden oder akzeptiert haben und jetzt ihr neues Leben genau so unverhüllt ausleben, wie ihr voriges. (Welches oft ein „normales“ oder „gesellschaftlich anerkanntes“ war – ist leider der Wortschatz mit dem wir aufwachsen).

Die neuste Geschichte, handelte von einem alten Bekannten, der nach Ruys Beschreibung nach zu urteilen, „mehr hetero nicht hätte sein können“, und nun sein Leben lebt, als stolzer schwuler Mann. Und das tut er, ohne an Klischees zu sparen. Er liebt sein Leben merklich, endlich der zu sein, der er eigentlich immer war.

Ich weiβ nicht, wie es euch geht, aber meiner Meinung nach, werden Geschichten wie diese bei uns eher selten im erweiterten Bekanntenkreis bekannt gemacht, geschweige denn vom Betreffenden öffentlich zelebriert. Es scheint noch sehr oft eher hinter geschlossenen Türen passieren zu müssen. Es wird viel zu selten, als normale, 100% akzeptierte Wendung im Leben angesehen, sowie eine Hochzeit oder die Geburt eines Kindes.

Wie in der kanarischen Kultur damit umgegangen wird, ist wirklich wunderbar. Ich versichere Ruy immer wieder, dass ich noch nie so viele Stories dieser Art in regelmäβigen Abständen gehört habe, wie seit meiner Zeit mit ihm hier auf GC. „Das ist ein Abbild davon, was hier für eine wahnsinnige Toleranz herrscht“, ist meine Meinung. Ruys Einwand daraufhin war wahnsinnig interessant, denn er sagte: „Das kommt sicherlich in jedem Land gleich viel vor, aber hier fühlen sich die Menschen sicher genug es öffentlich zu teilen“. „Sicher genug“ – schon eine heftige Formulierung, oder? Heftig, denn es ist die Wahrheit.

Und genau das ist doch der Knackpunkt. Passieren tut es überall auf der Welt – egal welche Kultur, Epoche oder Zeitzone – nur die Umstände bestimmen eben, ob ein offener Umgang mit diesem Thema möglich ist oder eben nicht. Leider.

Das sind die Momente, in denen wir Veränderung in unseren Kulturen anstoβen müssen, beginnend bei uns selbst. Das ist der Moment, in dem wir gefragt sind, vor allem die jungen, aufgeklärteren Generationen. Wir leben noch eine ganze Weile auf dieser Welt. Wir sollten die Möglichkeit nutzen, sie positiv zu formen. Auch wenn jeder nur einen weitern Menschen überzeugt, ist schon einiges getan.

Wie schön es wäre, wenn es überall so wäre. Eine Atmosphäre, in der jeder sich wohl, angenommen und toleriert genug fühlt, um offen mit seinen Entscheidungen umgehen zu können.

Mitunter, finde ich es unglaublich traurig, dass auf mich diese Offenheit und Toleranz, wie etwas „extremes“ und „neues“ wirkt. Etwas das, „in SEINER Kultur so ist und sich von meiner unterscheidet“. Ich weiβ, dass es überall mutige Menschen gibt, die als gutes Beispiel voran gehen, für mehr Sicherheit und Toleranz kämpfen und Mut zu mehr Offenheit fördern. Dennoch, einen so liberalen Umgang, wie ihn die canarios vorleben, habe ich selber noch nie wahrgenommen.

Schon in einem meiner ersten Artikel habe ich erwähnt, dass wir daran arbeiten sollten, dem Begriff „Normalität“ eine neue Bedeutung zu geben. Wir wollen doch alle in einer Gesellschaft leben, in der sich jeder sicher genug fühlt, sein Lebensmodell zu teilen.

Vielleicht konnte ich ein paar von euch genauso mit der Geschichte erreichen, wie Ruy mich. Jede noch so kleine Reichweite sollte man nutzen. Ich freue mich über jede Weiterempfehlung von euch!

Bis bald

Saludos y un besito

Las Canteras
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