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23. Lieber Schein, als Sein

Endlich! Am 1.7 hatte das Warten für mich und Ruy ein Ende. Ich bin wieder in Spanien und kann einige Zeit mit Meerblick meine Artikel schreiben.

Auch nach Corona scheint die Welt hier noch in Ordnung zu sein. Die Natur ist immer noch genau so schön wie sie es war als ich im März aufgebrochen bin, wenn nicht sogar schöner. Das Essen ist und bleibt ein Hochgenuss und die Menschen weiterhin außergewöhnlich hilfsbereit und liebenswert. Auch Ruy und ich sind noch die Alten – que suerte!

In dieser momentanen Situation – endlich wiedervereint mit Ruy an einem der entspanntesten Fleckchen dieser Erde – fühle ich mich selbstverständlich rundum zufrieden. Ich habe nichts zu meckern und mir scheint auf gut Deutsch gesagt „die Sonne aus dem Arsch“. Glücksgefühle, Glücksgefühle, Glücksgefühle… Aber wieviel glücklich ist denn eigentlich normal?

Momentan wäre ich definitiv kein guter Maßstab, da ich nach fast vier Monaten Zwangsseparation nun sehr sehr euphorisch gestimmt bin.

Nichts desto trotz, nach einer gewissen Zeit, scheint das überschwengliche Glücksgefühl doch in der Regel immer der Gewohnheit zu weichen.

So schön sich so eine Ekstase auch anfühlt – alltäglich ist sie nicht. Deswegen ist es ja eine Ekstase – „ein intensiver Ausnahmezustand“.

Gleichwohl, ihr absoluter Kontrahent, der Alltag, ist eben auch für uns wichtig.

Unser Leben lang also, wandern wir über die vertrauten und gewohnten Wege, schweben zwischendurch mal auf der glücklichen Wolke sieben und hauen uns mehrere Male an dem harten Boden der Realität die Knie auf. Gerade in einer Beziehung, erschließt sich einem die komplette Bandbreite an Gefühlen, findet ihr nicht? Denn wir erleben nicht nur die Ups and Downs unseres Lebenswerkes, sondern auch noch die volle Ladung des Partners.

Auch meine Oma, mit ihren knapp 98 Jahren, ist der Meinung: „Eine Beziehung ist viel Arbeit. Beide Parteien müssen jeden Tag etwas dafür tun.“

Es gibt einfach Grundprinzipien im Leben, die man sich ab und zu von echten „Oldtimern“ sagen lassen muss. Außerdem, sie muss es wissen, denn ihre Generation führte noch Beziehungen, die für uns Frauen heute eher ein Negativbeispiel darstellen. Sie weiß selber ganz genau, wie wertvoll es ist, wenn beide Partner sich es erlauben können, an dem großen Spiel der Emotionen und Meinungen zu partizipieren.

Was wäre das Leben, was wäre eine Beziehung ohne diese Musterkollektion an Gefühlen?

Das muss man dann die Zuckerwatte-Menschen mal fragen. Auf die Gefahr hin jemanden vor den Kopf zu stoßen – wisst ihr welche Art von Menschen ich meine? Diese, die immer sehr viel Wert darauf legen, ja alles perfekt darzustellen. So perfekt, dass man sich selber fragen muss, ob das eigene Lebensmodell überhaupt genau so viel wert ist, wie deren augenscheinlich fehlerfreies Leben.

Wieviel davon ist nun authentisch glücklich und wie viel ist tatsächlich zu viel?

Jedenfalls scheint es, als sei in diesen Zuckerwatte-Beziehungen immer „nee wirklich alles super“. In Gesprächen mit diesen Menschen, wünscht man sich manchmal einfach, dass sie mit dem Kopf nicken, wenn man mal ein Kommentar aus der „Beziehungen können so unglaublich anstrengend sein –Kiste“ fallen lässt. Zumindest ein empathisches „Ja das kenn ich!“. Aber die Zuckerwatte-Menschen ziehen es vor jedes noch so kleine unangenheme Etwas in ihrer Beziehung zu verleugnen und ihr Leben mit einem Ponyhof gleichzusetzen. Sie sind unbeschwert, sie sind unkompliziert, sie sind glücklich – und das 24/7. So scheint es jedenfalls.

Ich verstehe natürlich, wenn man sich mit Details über Beziehungsprobleme und Streiterein vor anderen zurückhalten möchte. Um Gottes Willen – niemand soll auspacken, wenn er es nicht will. Und wenn man zwanzig mal erwähnen muss, wie glücklich man gerade ist, ist das auch vollkommen in Ordnung. Ich meine, gerade würde ich auch nichts anderes sagen.

Ich frage mich nur manchmal, ob glücklich sein das neue Aushängeschild ist. Ich wunder mich immer wieder, ob wir heutzutage nur noch glücklich sind, um glücklich zu sein oder es nutzen, ja zweckentfremden, für eine beispiellose Selbstpräsentation.

Mit glücklichen Menschen lässt es sich einfach viel leichter umgehen. „Ich bin glücklich“ – das ist wie ein tolles Instagramprofil. „Ach eine unbeschwerte Person, wie toll! Jemand, der keine Altlasten mit sich trägt!“

Es ist ganz wunderbar, wenn ein Mensch mit einer positiven Grundeinstellung und zufrieden durchs Leben geht, dennoch, es ist essentiell, dass wir dem Verlangen nach Perfektion Einhalt gebieten, auch wenn man das eigene Leben frei von Barrieren und Ballast erscheinen lassen möchte.

Glücklich sein soll man zelebrieren, aber nicht missbrauchen für den Zweck der Selbstdarstellung.

Wahrscheinlich tragen wir alle etwas von der Zuckerwatte- Persönlichkeit in uns. Der Wunsch nach Perfektionismus holt uns alle mal ein. Und auch die „24/7 – Glücksmenschen“ haben Probleme. Sie definieren sich nur nicht über sie und möchten sie lieber für sich behalten, könnte man jetzt einwenden. Und das ist auch ihr gutes Recht. Absolut.

Die Gefahr in den Beziehungen der absoluten Harmony-Seeker und Selbstdarstellungs-Fanatiker ist allerdings, dass sie so geblendet sind von ihrem Wunsch nach Glück und Perfektion in- und außerhalb ihres Dunstkreises, dass sie sich selber blind werden lassen für gravierende Fehler des Partners und damit meine ich nicht, dass die Wäsche nicht aufgehängt ist.

Wäre es nicht tragisch, wenn wir selber die Blender in unseren Beziehungen sind? Wenn wir soviel Energie aufwenden, um das unkomplizierte, einfache, glückliche Persönchen zu sein, dabei aber in den eigenen vier Wänden viel zu viel tolerieren, was uns eigentlich nicht zufrieden stimmt? Lieber Schein, als Sein?

Alles nur um keinen Streit zu kreieren. Alles nur um nach außen hin weiter stolz sagen zu können: „Ja, bei uns ist alles in Ordnung“. „In Ordnung“ in dem Fall gleichzusetzen mit „Ich schlucke alles runter, damit der andere zufrieden ist“

In einem Zeitalter voller Sozialer Medien und perfektionierter Eigendarstellung, darf man nicht zu seinem eigenen Blender werden. Der Alltag und die schlechten Zeiten gehören genauso zu unserem Leben, wie die glücklichen Zeiten.

Natürlich, jeder soll sich darstellen, wie er will.

Aber die Selbstreflexion darf man nicht vergessen. Ich denke jeder sollte anfangen über seine Prioritäten nachzudenken, wenn „Ich bin glückich“, das Aushängeschild geworden ist, aber nichts mehr mit der eigenen Gefühlswelt zu tun hat.

Dann doch lieber Sein, als Schein, oder?

Bis bald

Saludos y un besito

Barranco de Guayedra, Agaete, Gran Canaria
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3 Antworten auf „23. Lieber Schein, als Sein“

In unserer zunehmend virtuellen Welt empfinden sich immer mehr Menschen als Bestandteil dieser virtuellen Welt.
Daher präsentieren sie sich in einer Weise, die nur noch Oberfläche abbildet und easy und ansehnlich ist: also als Happy Few…Das alles hast Du gut beschrieben.

Immer mehr Menschen präsentieren sich nach den Schemen und Erfordernissen der virtuellen Welt samt sozialen Medien also nicht hinterfragbar und easy: also als Happy Few…Du hast das gut dargestellt!!

Es ist wirklich immer wieder eine Freude Deinen Blog zu lesen. Du schreibst großartig, interessant… findest die Themen die wesentlich sind und das alles in einer sehr guten Sprache. Ich bin ganz stolz auf Dich und freue mich auf nächsten Sonntag 💕

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