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20. Das is er, das sind se

Der 20ste Artikel! Jetzt sind schon über vier Monate vergangen, seit dem ich meinen ersten Artikel „Wer, was und warum?“ veröffentlicht habe. Vielen lieben Dank an alle, die dabei bleiben und lesen!

Das große Wiedersehen mit Ruy rückt immer näher. Jetzt sollte es nicht mehr all zu lange dauern, bis wir unsere Beziehung wieder ohne technische Hilfsmittel erleben können. Gracias a dios! Ich erhoffe mir dann natürlich auch wieder ein bisschen frischen (spanischen) Wind in meinen Artikeln. Bis dahin, erst nochmal eine kleine Anekdote.

Kürzlich ist mir erst mal wieder klar geworden, wie entscheidend „das Freunde kennenlernen“ in einer Beziehung ist und ich kam nicht umhin, daran zu denken, wie das bei Ruy und mir von statten ging.

Das Umfeld eines Menschen, mit welchen Leuten man sich umgibt und wen man seine Freunde nennt, verrät schon sehr viel über eine Person. Bereits in Artikel 12. La familia internacional, habe ich über die Erfahrungen mit der „Schwiegerfamilie in Spe“ berichtet.

Natürlich ist auch das familiäre Umfeld ein wichtiges Erkennungszeichen eines Menschen. Jedoch, dieses sucht sich schließlich niemand gezielt aus. Allein deswegen, ist es immer spannend zu sehen, wer die Freunde sind.

Insofern, ist Freunde kennenlernen nicht nur ein entscheidender Moment, sondern auch ein vielsagender.

Man sagt doch „Kinder sind das Spiegelbild ihrer Eltern“. Sieht man es jetzt noch nicht, wird man spätestens mit ansteigendem Alter Parallelen erkennen, ob man will oder nicht. Was uns umgibt, formt uns. Das ist absolut klar.

Nun hat unser nicht-familiäres Umfeld, ab einem gewissen Alter, sogar fast mehr Einfluss auf unser Sein und Werden als die Eltern&Co. Kein Wunder also, dass auch der Freundeskreis mehr oder weniger ein Abbild von dem formt, wer wir sind und wie wir handeln.

Definitiv lernt man viel darüber welche Art von Mensch unser Partner ist, sobald der Freundeskreis ins Spiel kommt.

Die echte soziale Ader kommt zum Vorschein. Denn gerade in der Anfangsphase einer Beziehung, sieht man den Partner doch oft durch eine rosa-rote Brille. In der Zweisamkeit groovt man sich schnell ein. Aber jetzt kommen die Freunde dazu, es wird eine Gruppe geformt und wir können mal so richtig observieren, wie der Freund oder die Freundin mit anderen Menschen umgeht, die nicht Familie oder Liebhaber sind.

Als ich Ruys Freunde im November 2018 kennenlernte, als ich zum zweiten Mal nach Las Palmas kam, konnte ich genau beobachten, wie er mit seinen Freunden umging, wie er zuhörte und auch wie sie ihn behandelten.

Dieser Abend war ein totaler Dealbreaker für mich. Mir fiel eine Last von den Schultern, von der ich nicht wusste, dass ich sie trug. „Endlich weiß ich mehr von ihm.“ Für mich bedeutete das einen Schritt weiter auf der Beziehungsleiter.

Wie nervös ich war, kann ich schlecht beschreiben. Jedenfalls war ich froh, dass wir noch Ebbelwoi im Haus hatten und ich mir etwas Mut antrinken konnte. Glücklicherweise, im Gegensatz zu Familientreffen, fließt beim Zusammenkommen mit Freunden schon eher der Alkohol und das hilft ungemein. Wahrscheinlich denkt ihr jetzt „Wie kann man denn so nervös sein? Es sind doch nur seine Freude…“ Ja, stimmt. Aber es sind die spanischen Freunde, von denen nicht jeder Englisch spricht. Da fühlt man sich schon mal schnell der Konversation ausgeliefert.

Denn die Freunde kennenlernen ist natürlich ein wechselseitiges Unterfangen. Genauso wie wichtig es Ruy war mir sein Umfeld zu präsentieren, wollte ich auch gleichzeitig angenommen werden und ein gutes Bild abgeben.

Diese Menschen sind im Leben meines Freundes seit einer sehr langen Zeit. Für ihn wollen sie nur das Beste und Freunde können, wie wir alle wissen, die schärfsten Kritiker sein.

Ich kenne das von meinen Freunden und mir selbst doch ganz genau. Alles was man neben seinen Freunden sehen will, ist jemand, der sie glücklich macht. Ist das nicht der Fall, kann es kompliziert werden. Denn eines ist klar, herrscht böses Blut zwischen deinem Partner und deinen Freunden, hast du eine bittere Pille zu schlucken. Niemand möchte in die Situation gebracht werden „Entscheide dich!“

Glücklicherweise fühlte ich mich sehr willkommen in der Runde der „amigos“. Ich mochte sie auf Anhieb und das ist unglaublich entscheidend. Ab diesem Moment fühlte ich mich mehr angekommen in unserer Beziehung. Ohne die Freunde zu kennen, fehlt mit der wichtigste Teil des Leben des anderen, den man nicht richtig nachvollziehen kann. Man muss sich einfach nur mal vorstellen, man kann die Freunde des Partners nicht leiden. Mir ist das noch nicht passiert, aber angenehm ist sicher etwas anderes.

Komm, Schatz wir gehen was trinken.“

Kommen deine Freunde mit?“

Klar.“

Hmmm, wollen wir doch lieber zuhause bleiben und einen Film gucken?“

Ein Glück ist das bei uns nicht der Fall, auch wenn ich aufgrund von Sprachbarrieren in der Gruppe öfters mal den Faden verliere.

Für mich festigte sich unsere Beziehung dadurch jedenfalls noch mehr. In der Art wie Ruy seine Freundschaften pflegt, finde auch ich mich wieder. Ich wusste, da gehen wir konform und haben die gleiche Wertevorstellung. Das ist eine Erleichterung und große Freude zugleich. Meine Freunde spielen eine große Rolle in meinem Leben. Für Ruy gilt das gleiche.

Ich meine, nicht nur, möchte man seinen neuen Partner vorführen, man möchte auch dem Freund oder der Freundin vermitteln, dass unsere Freunde unersetzbar für uns sind. Wir möchten, dass sie nicht nur respektiert werden sondern, die Zeit, die wir mit ihnen verbringen auch akzeptiert und toleriert wird.

Nicht zuletzt, sind die Meinungen der Freunde ungemein wichtig. Vor allem am Anfang. Bevor es richtig „ernst“ wird und man den neuen Partner zu seinen Eltern schleift, schauen doch häufig erst mal die Freunde drüber und verbringen etwas Zeit mit dem Neuling. Hat man den „Daumen hoch“ der Freunde, seien wir ehrlich, fühlt man sich noch wohler, den Partner in die Familie einzuführen.

Bevor man die Freunde zu Gesicht bekommt, hört man in der Regel aber schon einige Stories über sie. Nun bekommt man endlich mal „algo visual“ zu all den Erzählungen. Damit werden manche Geschichten eventuell auch klarer und leichter zu verstehen. In Ruys Fall war das definitiv sehr wichtig, denn sein Kopf schwirrt heute noch bei all den Namen meiner Freundinnen. „Tara, Anna, Saskia, Mala, Lisa, Lena!! Das hört sich alles gleich an!! Wie soll ich mir das merken?“

Wie es der Zufall so wollte, musste Ruy an seinem ersten „Freundeabend“ mit mir auch einige Gesichter kennenlernen. Er hatte mich mit drei Freunden an meinem ersten Abend sehr geschont. Auch ich versprach ihm „nur eine Hand voll“. Aber mir waren die Hände gebunden. Er war nur für ein paar Tage in Frankfurt und so gut wie jeder wollte ihn kennenlernen, also schmiss ich ihn ins kalte Wasser und setzte ihn in eine Frankfurter Ebbelwoi Kneipe mit 10 Personen an einen Tisch. Den Vorwurf bekomme ich heute noch zu hören. Ich bin aber immer noch der Meinung, es war eine gute Idee.

Als er dann im Laufe des Abends auch noch meine Schwester und meine zwei Schwager kennenlernte, schwirrte ihm wahrscheinlich mächtig der Kopf, aber er hat sich super wacker geschlagen.

Da Ruy und ich eine langwierige Dating-Phase eher übersprungen haben (wie auch sonst, wenn du dich für jedes Date erst mal in einen Flieger schwingen musst?), hatte unsere Beziehung von Anfang an eher eine andere Dynamik. Wenn wir schon fünf Stunden Flüge auf uns nehmen, um einander zu sehen, fackeln wir auch nicht lange, wenn es darum geht Freunde vorzustellen.

Trotzdem kennen wir alle den Moment ganz am Anfang der Dating-Phase, wenn wir uns nervös selber die Frage stellen müssen, WANN ist der richtige Zeitpunkt, Dating-Leben und reales Leben zusammenzuführen. „Hält er/sie mich für bekloppt, wenn erst mal raus kommt wie bescheuert meine Freunde drauf sind?“ oder (und das ist ein eigentlich das schlimmste Szenario) „Was wenn meine Freunde meinen Partner nicht mögen?“

Das mag man sich ja gar nicht vorstellen.

In der Regel geht es ja gut! Aber, und ich denke hier habe ich eure Zustimmung, auch als guter Freund, muss man sich manchmal erst mal etwas Zeit lassen, um sich an die neue bessere Hälfte im Freundeskreis zu gewöhnen. Normaler Prozess würde ich sagen.

Egal wie man es macht , ich persönlich bin kein Fan von der strikten Trennung von Freunden und Partner. Wie will auch nur eine der beiden Parteien dein authentisches Ich kennen, wenn du ein Teil deines Lebens immer außen vor lassen würdest?

Im Spanischen sagt man „Quien tiene un amigo, tiene un tesoro“ – und diesen einzigartigen Schatz wollen wir doch unserer neuen Liebe nicht vorenthalten!

Bis bald

Saludos y un besito

Frankfurt
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