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14. Gimme some Fantasy, Baby

Wenn es eins gibt, was wir unser ganzes Leben lang vermissen, beziehungsweise, an das wir uns für immer gerne erinnern werden, sind es Momente aus unserer Kindheit. Natürlich, nicht jeder möchte oder kann sich mit einer sorgenfreien, wunderschönen Kindheit rühmen. Das meine ich auch gar nicht. Aber es sind diese wilden Geister, die wir alle als Kind in uns tragen, die ,glaube ich, jeder einmal auf die eine oder andere Weise vermisst, wenn er oder sie in den manchmal unbequemen Erwachsenenschuhen durchs Leben geht.

Was passiert mit unserer grenzenlosen Fantasie? Was passiert mit unserem Drang alles zu erkunden, anzufassen, zu riechen, zu probieren? Was passiert mit unserer Art alles ohne Scham anzusprechen und die „dümmsten“ Fragen zu stellen?

Dass der Erwachsenenschuh jetzt die Richtung vorgibt ist klar. Das ist der Lauf der Dinge und absolut notwendig. Aber ich finde wir sollten alle versuchen, den Kinderschuh untendrunter noch anzulassen, denn es macht soviel Spaß und tut uns gut.

Kürzlich fragte ich mich: „Reden wir eigentlich noch oft genug komisches Zeug? Sind wir noch oft genug Kind? Fördern wir noch oft genug unsere Fantasie?“ Die wenigsten nehmen sich wahrscheinlich aktiv Zeit dazu. Real life comes in the way.

Ruy stellte sich schnell als ein Mensch heraus, der definitiv seine Kinderschuhe nie ausgezogen hatte, bevor er in die Erwachsenenschuhe geschlüpft war. Er findet heute noch jeden Krebs am Strand interessant und muss am liebsten alles, von Gerichten bis hin zu Aktivitäten, mal ausprobiert haben.

Ich würde mich selber auch als einen kreativen und fantasievollen Mensch bezeichnen, aber wir verweigern uns diese Momente leider viel zu oft, weil sie uns „ja nichts bringen“.

Ruy nimmt da jedenfalls kein Blatt vor den Mund. Schon ziemlich oft hat er mich damit aus der Reserve gelockt. Wer fragt dich schon mitten im gemütlichen Couchabend: „Wenn du ein wildes Tier als Haustier haben könntest und du wüsstest es würde dir nichts tun, welches wäre das?“

Was mich bei diesen Fragen immer am meisten interessiert, ist durch was sie ausgelöst werden. „Von was kommt das denn jetzt?“

Ich bekomme auf diese Frage eigentlich nie eine konkrete Antwort. Scheint einfach eine natürliche Reaktion von Menschen zu sein, die in ihrem Hirn „unnützes“, fantasievolles Denken zulassen.

Wahrscheinlich legen wir zu oft zu viel Wert darauf, dass das was wir tun, essen, im Fernseher schauen, sagen, denken und unternehmen immer einen Zweck und Sinn verfolgen muss. Unserer Fantasie einfach mal freien Lauf zu lassen, wie als Kind, ohne sich nach dem Zweck dahinter zu fragen, erscheint uns vielleicht des Öfteren zeitverschwenderisch.

Vielleicht fühlen sich einige von meinen Worten auch überhaupt nicht angesprochen und finden sich selber von ihrem inneren Kind überhaupt nicht verlassen. In diesem Fall salutiere ich vor euch! Besser geht es kaum. Für andere, wie mich, die keine hoffnungslosen Fälle sind, aber durchaus noch mehr überzeugt werden können, folgen einige Momente aus Ruy und meinem Alltag, die fantasievoller nicht sein könnten, als kleine Inspiration. Ruy schafft es doch immer wieder sein inneres Kind hervorzubringen und das ist wirklich spaßig. Manchmal sind es aber auch ganz einfache, doch hervorragend logische Observationen, die mir schon vermehrt ein tolles Gefühl gegeben haben.

Eine meiner Lieblingsfragen bisher war:

„Was würdest du tun, wenn du unsichtbar wärst?“ Ich mal wieder total überfordert mit dieser plötzlichen Frage, habe lange gebraucht, mich aber dann entschieden in den Wald, raus in die Natur zu gehen, um hoffentlich Tiere ausfindig machen zu können. „Aber die würden dich ja noch riechen und hören können!“ Spätestens da war ich dann raus. Ruys Antwort war so unglaublich easy. Er würde eine Bank überfallen. Genial. Darauf wäre ich gar nicht gekommen. Mal über solchen Unsinn reden tut einfach gut und man entdeckt nochmal einige neue Seiten an seinem (Gesprächs)Partner.

Unvergesslich war auch der Moment, in dem der Kaffeebohnen-Champion gekürt wurde. Wir mahlen seit neustem unsere Kaffeebohnen selber in einer kleinen elektrischen Mühle. Einmal „überlebte“ eine Kaffeebohne den Mahlvorgang und wurde dann von Ruy auf das Regal neben die Chilipflanzen platziert. „Das hier ist jetzt der Champion! Der muss hier liegen bleiben.“ Die Idee für die Zukunft ist, so viele Mahlvorgang-Überlebende zu sammeln, bis er sich aus diesen Championbohnen einen legendären Championkaffee machen kann. „The big C!“. Ok.

Ich weiß die meiste Zeit nicht ob ich lachen oder einfach nur vor mich hin blinzeln soll, weil es so banal ist!

Genauso banal, wie die „Beerdigung des Essens“. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich es hasse Essen wegzuschmeißen. Meistens bin ich diejenige, die mehr isst, als sie will oder isst worauf sie nicht so Lust hat, einfach nur um sicher zu stellen, dass nichts weggeschmissen wird. Falls aus irgendwelchen Gründen, dann doch mal das Unsägliche passiert und wir Essen wegschmeißen müssen, geht das nicht auf eine normale Weise vonstatten. Ruy ist durchaus bewusst, wie sehr mich das ärgert. Er geht mit der Situation dann auch eher fantasievoll um, um es nicht noch tragischer zu machen, als es eh schon ist. Was eigentlich ironisch ist, denn er initiiert ja eine (tragische) Beerdigung.

Er haut dann über YouTube die schottische Beerdigungsmusik „R.I.P. 911 Dudelsack“ raus, salutiert und „begräbt“ den gammeligen Salat im Mülleimer mit aller Würde, die er anscheinend verdient. Auch die traditionellen Gewehrschüsse, werden nicht vergessen. Call me crazy, aber das macht das nicht immer vermeidbare Fortschmeißen von Essen tatsächlich etwas erträglicher.

Ein weiterer ziemlicher Kinderschuh-Ratschlag von ihm ist der, der Boxershorts. Laut Ruy ist Männern nicht zu trauen, die ihre Boxershorts aufheben, in dem sie sich bücken und sie mit der Hand auflesen. „Der einzige Weg seine Boxershorts aufzuheben ist der“, und er schnickt mit seinem Fuß die Boxershorts in die Luft, um sie dann aufzufangen. Unnützes Wissen, ich bedanke mich!

Es ist erfrischend jemand so fantasievolles in seinem Leben zu haben. Ich kann nur empfehlen, zu versuchen, es auch im eigenen Leben mehr zuzulassen und sich ab und zu eine „unnütze Frage“ zu stellen oder das innere Kind mal so richtig abknattern zu lassen. Wir müssen uns ja auch mal Pausen von all den realen Problemen gönnen können. Und das wären mal ein paar Möglichkeiten neben Netflix und Co.

Zu den einfachen, doch logischen Observationen, die Ruy von sich gibt, möchte ich auch noch ein kleines Beispiel nennen.

Dieses hat mich schon häufig sehr aufgemuntert.

Wie oft erleben wir einen tollen Abend/Tag/Urlaub oder Moment und fangen schon an etwas traurig zu werden, wenn er sich dem Ende zu neigt. Genau so ging es mir beispielsweise nach meinem Backpacker-Urlaub in Peru.

Ruy sagte, man müsse nie traurig sein,

da 1. immer ein Abenteuer abgeschlossen werden muss, bevor das nächste folgen kann.

Und 2. man erlebt sein Abenteuer immer dreimal : Wenn man es plant, wenn man es verwirklicht und wenn man sich zurückerinnert.

Auch hierfür brauchen wir etwas Vorstellungskraft. Wir haben sie alle in uns, schadet also nicht sie auch etwas zu nutzen und zu fördern.

Mir kommt grade der Gedanke, dass ich vielleicht etwas falsch liege. Vielleicht haben wir alle nur zu oft „Innere Kind Momente“ und stellen uns selber die verrücktesten Fragen, aber wir teilen diese Situationen nicht oft genug mit anderen. Vielleicht ist es das, was ich so besonders an Ruy finde. Er sagt immer, was er denkt und tut was er fühlt, egal wie „unnütz“ es auch sein mag.

Ich bin für mehr Mut zum Teilen der Produkte unserer persönlichen Fantasie. Die Menschen, die uns dann genau dafür lieben, die unser inneres Kind für keinen Preis der Welt verschwinden sehen möchten, sind genau die richtigen Menschen in unserem Leben.

Bis bald

Saludos y un besito

Las Canteras

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Eine Antwort auf „14. Gimme some Fantasy, Baby“

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