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12. La familia internacional

Jeder der eine neue Beziehung eingeht, findet sich (mit einigen Ausnahmen) nicht nur mit einem neuen Partner verbunden, sondern auch mit einer neuen Familie.

Der neuen zweiten Familie, ist nicht möglich auszuweichen. Du triffst sie bei familiären Feiern oder gemütlichen Sonntagsessen. Manchmal wird sie Teil deiner WhatsApp Gruppen oder meldet sich fortan regelmäßig bei dir. Du wirst Teil ihrer Gespräche, Planungen und Sorgenliste. Sogar in deinem Partner findest du die neue Familie wieder.

Nachdem man den Papa kennengelernt hat, weiß man woher der Freund den Humor hat, die Mama verrät woher seine liebevolle Art stammt und bei Zusammenkunft mit dem Bruder, findet man die Mimik seines Freundes auch plötzlich in einem anderen Gesicht.

Ich glaube ihr stimmt mir (laut oder insgeheim – je nach dem wer mitliest) alle zu, dass auch die zweite Familie, genau wie die erste/ eigene ein Fluch und ein Segen sein kann. Manchmal möchte man sie meiden, manchmal kann man es kaum erwarten sie zu sehen. Alles ganz normale Gefühle.

Was aber nun, wenn die Familie international wird? Stellt euch all die Verunsicherungen, aufregenden Ereignisse, peinliche Familienmomente und Versuche sich von seiner besten Seite zu zeigen nun in einer anderen Sprache vor. Ja… ay, caramba!

Ruy und ich müssen da natürlich beide durch. Wir können uns die Hand reichen und uns gegenseitig jede Menge Unterstützung versprechen. Trotzdem bin ich ein klein wenig neidisch auf ihn. Trifft Ruy auf meine Familie, sprechen beide Parteien Englisch, ergo es sprechen beide Parteien ihre erste Fremdsprache. Jeder ist verunsichert und macht Fehler, also sitzen sie im Grunde genommen in einem Boot. Natürlich ist auch das aufregend und ich möchte es auch nicht klein reden. Dennoch, wenn meine Familie und Ruy sprachlich gesehen in einem Boot sitzen, sitze ich, sprachlich gesehen in einem kleinen Rettungsboot, während Ruys Familie gemütlich auf einem Transatlantikliner schippert.

Es ist verdammt scary mit der zweiten Fremdsprache in ein Nest voller Muttersprachler zu tapsen. Also muss man sich ein paar Tricks einfallen lassen.

Glücklicherweise ist Ruys Familie (seine Eltern, sein älterer Bruder und dessen zwei Kinder) unglaublich liebenswert. Sie verkörpern bedingungslos die „Herzlichkeit durch Umgang und Sprache“, wie in Artikel Nummer 7 beschrieben.

Sie tun wirklich alles, um mir ein gutes Gefühl zu geben. Das schließt ein: ein herzliches Willkommen heißen, tolle Gerichte (auch in Muttis Tupperware zum Mitnehmen) ,volle Akzeptanz und Bemühungen mein Wohlbefinden immer sicher zu stellen.

Natürlich unterstützt mich auch Ruy wo er nur kann. Trotzdem erwische ich mich regelmäßig dabei, stets den Mund voll zu haben, damit ich mir in Kau- und Schluckmomenten gegebenenfalls etwas Zeit zum Nachdenken einräumen kann.

Ansonsten ist mitlachen (auch wenn du nur zu 20% weißt worum es geht) immer eine tolle Sache. Oder fleißiges und zustimmendes Nicken, sobald du das Thema erahnen kannst. Gibt nicht nur mir selber, sondern auch den anderen am Tisch das Gefühl – „Mensch die zeigt aber viel Beteiligung am Gespräch“. Jedenfalls in meinem Kopf funktioniert das auf diese Weise und das hält mein in deutsch denkendes Hirn über Wasser.

Auch ein paar Standardsätze im Kopf bereit halten kann nie schaden. Ich komplementiere Ruys Mama beispielsweise immer für das Essen. Dafür mangelt es mir nicht an Vokabular. Auch die Begrüßungen und Verabschiedungen habe ich bereits fehlerfrei im Repertoire. Man braucht aber jetzt kein Genie zu sein, um festzustellen dass zwischen Begrüßung, Essen komplementieren und Verabschiedung noch einige weitere Situationen liegen zu denen ich noch kein Allzweckrezept gefunden habe. Spoiler – es gibt auch keins!

Nur Lückenfüller… wie diesen charmanten Move: Sobald ich ein Thema, von dem Ruy berichtet, erahnen kann – schalte ich mich mit unterstützender und dramaturgischer Mimik und Gestik dazu. Einzelne seiner Wörter wiederhole ich oder kommentiere mit „completamente!“, „Si, super lindo!“ oder „Me encanta!“.

Ach herrlich meine eigens kreierte Freakshow. Je nach dem wie diese Tricks funktioniert haben und wie meine Tagesform so ist, gehe ich glücklich oder von mir selber enttäuscht nach hause.

Ruys ehrlich gemeinte Worte und seine liebe Zusprache, dass doch alles ganz toll war und wie sehr mich seine Familie mag, kann ich dann teilweise gar nicht wahrnehmen. Ich bin selber so peinlich berührt von mir, weil ich – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht so „performt“ habe, wie ich mir das vorgestellt habe.

Hier muss ich wirklich an mir arbeiten, denn Außenstehende können dich zeitweise tatsächlich weitaus besser beurteilen. Wo ich peinliche Momente sehe, sehen andere den Fortschritt. Wir sollten mehr darauf vertrauen, was sich in unserem blinden Fleck befindet – erst recht, wenn man es mehrfach bestätigt bekommt.

Ähnlich, wie in Artikel 11 sei auch hier erwähnt: man darf hier nicht seine mentalen Grenzen die Oberhand gewinnen lassen! Jedes Mal, wenn ich jemanden bitten muss Gesagtes zu wiederholen und das am besten zehn mal langsamer, rutscht mir das Herz in die Hose und ich denke „Gott, wie schlecht du bist. Ist das peinlich!“ Ich muss noch lernen, dass es mir egal sein muss nachzufragen. Und das auch das kein Zeichen von Schwäche ist. Glaube ich immer nur meinen „mentalen Grenzen“ erlangen diese auch mehr und mehr die Oberhand und kontrollieren meinen gesamten Lernprozess in Spanisch. Ich möchte nicht den Teufel an die Wand malen – es ist noch nicht Hopfen und Malz verloren – aber ich habe mir schon einiges mit diesen Gedanken verbaut. Warum ist es so schwierig zu denken „Hey ich frag nochmal nach, schließlich will ich es lernen. Kannst stolz auf dich sein, dass du versuchst eine neue Sprache zu lernen.

Aber so ein reflektiertes Verhalten will gelernt sein und ich habe das sichere Gefühl, das dauert. Nicht bei jedem, natürlich. Andere wären sicher mutiger als ich. Ein jeder trägt eben seine Schwächen mit sich herum und einer meiner größten ist definitiv der Perfektionismus. Ganz frei nach dem Motto: „Bevor ich es falsch sage, sage ich es lieber gar nicht“. Hat noch jemand von euch diese dämliche Krankheit?

Ich denke allerdings, die Präsenz der Schwiegereltern in spe besänftigt nicht gerade den Drang nach Perfektionismus. Normalerweise kann die Geheimwaffe Alkohol als Zungenlöser und Schamgrenzen-Radierer einiges für mich und mein Spanisch tun. Nur kann man sich ja nicht unbedingt bei der neuen familia einen reinstellen. Erst recht nicht, wenn mittags mit den Kindern gegessen wird.

Die Kinder…

Ich hätte nie gedacht, dass das was folgt, jemals aus meinem Mund kommen würde: Die Kinder sind die absoluten Retter in der Not!

Ich mag Kinder, versteht mich nicht falsch, aber bevor ich selber stolze Tante wurde, konnte ich schon eher wenig mit Kindern anfangen. Ich empfand für eine lange Zeit nichts schwieriger als sich mit einem Kind zu unterhalten. Ich schien immer die falschen Wörter und Sprechweise mit ihnen zu wählen. Ganz schlimm wurde es, wenn sie anfingen Fragen zu stellen. Wie beantwortet man diese politisch korrekt ? War mir immer ein Rätsel…

Babys zu halten , versetzte mich in Panik, weil ich nicht wusste wie und ich jede Sekunde jemanden schreien hören konnte „Pass auf – du musst den Kopf stützen!!!“

Waren sie älter, war ich mir unsicher welche Spiele und Spielweisen sicher genug waren. Mit meiner Nichte wurde das nun um einiges besser. Als noch mein Neffe dazu kam, war der Drops gelutscht. Man sammelt Erfahrung und dann geht das schon.

Jetzt hatte ich mich grade an deutsche Kinder gewöhnt, deren komische Fragen ich wenigstens verstehe, da kam das Zusammentreffen mit zwei quirligen spanischen Kindern immer näher. Vor nichts hatte ich mehr Respekt, als vor den Kinder. Alte Traumata kamen wieder hoch. „Ich werde kein Wort verstehen!“. Und Kinder haben ja keine Hemmungen. Die rennen einfach auf dich zu und fragen was du da für Ohrringe trägst. So etwas kann ich jetzt vielleicht auf Deutsch regeln, aber sicher nicht auf Spanisch!

Aber das Zusammentreffen kam und es zeigte sich, diese Kinder sind Gold wert. Nicht nur dass sie sowieso anfangs schüchtern sind, sondern sie reden in der Regel auch für mich um einiges verständlicher.

Glücklicherweise hatten die beiden sich schon nach dem ersten Treffen an mich gewöhnt und anscheinend als vollwertiges Familienmitglied angenommen.

Mittlerweile kann ich mein Glück kaum fassen, wenn mich einer der beiden Stöpsel direkt nach dem Essen vom Esstisch wegzieht, um etwas zu spielen.

Ich bin auch gerne am Tisch und unterhalte mich und ich mag Ruys Familie wirklich unglaublich gerne, aber ich kann sprachlich nicht ewig mithalten und bin immer froh „wenn etwas zu tun ist“. Es wird zusammen gegessen , der Fernseher läuft oder nebenbei wird mit den Kindern gespielt. Gesprächspausen können ja schon unter Gleichsprachigen seltsam werden, aber als kleines Ruderboot neben dem Ozeandampfer – no thank you. In diesen Wellen geh ich unter.

Aber auch das ist ein Prozess. Irgendwann wird die Sprache das Gefühl einholen. Denn mein Gefühl, wenn ich bei meiner „familia internacional“ bin, ist nichts anderes als positiv. Ich fühle mich wie zuhause und so werde ich auch empfangen und gedrückt. Immer – und das ist wirklich schön.

Die neue Familie, die in dein Leben tritt ist sowieso so wie sie ist. Du wirst sie nicht ändern können. Und wenn du Glück hast, lieben sie dich, so wie du bist.

Also sollten wir wahrscheinlich nicht zu besorgt sein, ob wir perfekt genug vor ihnen sind. Einfach man selbst sein – mit all den (im meinem Fall: sprachlichen) Fehlern die man hat. Wenn sie dich gerne in ihrer Familie haben, wird sie das bei Weitem nicht so sehr stören, wie dich selbst.

Piep piep pieb- wir haben uns alle lieb o algo asi.

Bis bald

Saludos y un besito

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7 Antworten auf „12. La familia internacional“

Das mit dem sprachlichen Perfektionismus kenne ich nur zu gut 😃🙈
Aber du hast recht, man sollte auch mal den Leuten vertrauen, die einem sagen, wie gut man das schon macht! Es ist ja schließlich auch noch kein Meister vom Himmel gefallen😀

Wundervoll geschrieben. Deine Sprache umschreibt alles so schön und man ist in jeder Geschichte gedanklich sofort mit dabei ❤

Ich mit meinen mangelhaften Wortschatz bei Fremdsprachen, habe mich sofort wiedergefunden! Und hat bei mir für den ein oder anderen Lacher gesorgt 😃 toll 👏🏼

P.S. und wenn es nicht die Kinder sind, dann ist es der Hund 👌🏼

Ich hatte mir schon sehr lange vorgenommen, deinen Blog zu lesen liebe Fine. Heute hatte ich endlich die Zeit dazu und wollte eigentlich nur mit einem oder zwei Blogs beginnen. Ich konnte aber einfach nicht aufhören zu lesen. Du hast mir aus der Seele und aus dem Herzen gesprochen. UND – Deine Schreibweise ist wunderschön. Ich freue mich schon auf deinen nächsten Blog 😘❤️

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