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8. Voller Magen, glückliches Herz

Gran Canaria und sein positiver Einfluss TEIL 3

Essen ist eine Leidenschaft. Findet ihr auch? In meinem Tagesablauf sind alle Mahlzeiten ein Highlight. Ruy geht es da nicht anders. Auf den Kanaren zu leben bedeutet, dass diese Leidenschaft mit vielen Köstlichkeiten, sowie Wein und Bier gefüttert wird. So wächst und gedeiht sie vor sich hin und füllt nach und nach einen immer größeren Teil meines Lebens. Gerade deshalb, darf ein Artikel über besagte Passion nicht fehlen.

Ich stelle aber keine kanarischen Gerichte vor, sondern möchte statt des Tellerinhalts über die Art und Weise, wie man isst, erzählen.

Zu Mittag gegessen wird in Spanien in der Regel nicht um 12/ 13 Uhr, so wie wir das kennen. So wie ich es bei Ruy erlebe, wird wenig Wert auf ein „gehaltvolles“ Frühstück gelegt, welches einen über den Vormittag verhilft. Es wird eher mehrmals gesnackt und Nachmittags (für uns ist das meist um 15:30, nach Ruys Feierabend)zu Mittag gegessen. Dementsprechend essen wir zu Abend zwischen 20 und 22 Uhr. Ja, es stimmt, was man hört. In der Regel, essen die Südländer spät und nein, man wird davon nicht dick.

Auf den Kanaren, gibt es für das lästige „Food-Baby“, welches mir früher immer ein unglaublich schlechtes Gewissen gemacht hat, einen furchtbar netten Spruch: „Barrigita llena, corazón contento“. Das heißt so viel wie „Voller Bauch, glückliches Herz“.

Also, habe ich gelernt: alles Einstellungssache!

Anstatt mich selber zu schimpfen „Was gehst du auch so satt ins Bett! Egal, wie lecker dein Abendessen war, jetzt musst du dich schlecht fühlen!“, kann ich es auch „kanarisch“ lösen und sagen „Dios mio, war das lecker!Jetzt geh ich zufrieden ins Bett.“

Selbstverständlich will ich weder damit sagen, dass ich ein „Vollgefressen-Gefühl“ alles andere als optimal finde, noch dafür plädieren, sich doch ab jetzt bitte immer den Bauch kurz vorm schlafen gehen voll zu schlagen.

Ich möchte nur sagen, vielleicht kann man seine Betrachtungsweise mal ändern. Warum genießen wir nicht mehr?

Mir hat, die Art und Weise, wie hier gegessen wird und was Essen für eine Bedeutung hat, unglaublich geholfen ein gesünderes Verhältnis zum Essen zu bekommen. Ja, du darfst dich über jeden Happen freuen. Du bist natürlich zufrieden, wenn du satt geworden bist und es dir auch noch geschmeckt hat. Und nein, du musst kein schlechtes Gewissen haben, auch wenn du dein Sattheitsgefühl ab und zu auch mit ins Bett nimmst.

Außerdem möchte ich einen Erfolg mit euch teilen. Einen Erfolg der Essweise. Diese habe ich mir von Ruy abgeguckt oder durch ihn angewöhnt. Passt auf. In Spanien ist es nur all zu üblich „algo para picar“ (etwas zum naschen) zu bestellen. Das wird dann zu zweit oder mit der Gruppe am Tisch geteilt, dabei wird geschwätzt und getrunken.

Ruy und ich, wir teilen uns immer jedes Essen. Das ist auch etwas, was ich in Deutschland eher weniger mache. Mal teilt sich mal eine Vorspeise, aber jeder hat, in der Regel, seinen individuellen Hauptgang. Kennt ihr auch so oder?

In Spanien ist es total normal einfach nur zwei, drei, lass es vier „platos para compatir“ (Gerichte zum teilen) zu bestellen. So machen wir das auch immer. Jeder sticht mal dort hinein und zieht sich jene Schüssel rüber. Auch der Nachtisch (der bei uns eigentlich selten ausgelassen wird), wird geteilt.

Ich war früher schon immer mehr was man „futterneidisch“ nennt. Ich mochte es mein eigenes Essen zu haben. Ich hätte früher, wenn jemand vorgeschlagen hätte „Lass uns doch was teilen“, immer die Angst gehegt, dass ich nicht genug abbekomme.

Dabei bin ich in einem Haushalt aufgewachsen, in dem es immer genug zu essen gab. Meine Mutter weiß heute noch nicht, wie viel die perfekte Menge ist und der Grundsatz „ lieber zu viel, als zu wenig“ gilt immer und wird es immer tun. Also fragt mich bitte nicht, woher dieses Verhalten kam. Ich denke ich war einfach immer an den gesellschaftlichen Standard gewöhnt, meinen eignen Teller mit meinem Gericht zu haben.

Heute, jetzt wo ich kennengelernt habe, wie es ist „anders“ zu essen, möchte ich gar nicht mehr zu meinen alten Gewohnheiten zurück. Der erste ganz offensichtliche Vorteil ist dieser, dass man viel mehr probieren kann. Was für einen guten Esser, wie mich, Himmel auf Erden ist.

Und zum anderen, esse ich jetzt viel entspannter. Das tut dem Magen, aber auch dem Kopf wirklich gut.

Man pickt in den Gerichten, man redet und plötzlich merkt man, man isst nicht nur um zu essen, sondern es ist genauso quality time, wie die Gespräche, die man dazu führt.

Ich genieße mehr und probiere mich durch mehrere Gerichte, was ich ganz offen gesagt, absolut geil finde. Ich habe gelernt mehr auf meinen Körper beim Essen zu hören, mir aber gleichzeitig alles zu gönnen, was ich möchte. Auch wenn es das böse Weißbrot ist. Einfach weil ich jetzt mit mehr Verstand esse und gelernt habe, essen mehr zu zelebrieren. Ich esse mich immer satt und versteht das nicht falsch, ich esse viel, aber jetzt hat es mehr mit Genuss zu tun, als nur zu essen „weil jetzt halt Zeit zum essen ist“.

In Ruy und meinem Leben spielt Essen eine wirklich große Rolle. Erstens weil wir beide unglaublich gerne essen. Zweitens, weil es gemeinschaftlich ist und zusammen essen für uns auch quality time zusammen verbringen ist. Und drittens, weil Essen für uns eine Energiequelle ist. Ist einer von uns beiden krank, denken wir über Essen nach, was jetzt Stärkung bringt. Ist einer von uns beiden gestresst oder niedergeschlagen, glauben wir, dass ein tolles Gericht, nennen wir es „Soulfood“, dich aus den emotionalen Tiefen herausziehen kann.

Ich hoffe ich konnte euch verständlich machen was ich meine. Eine neue Kultur, lernt man nicht nur über die traditionellen Gerichte kennen, sondern auch über die Art und Weise, wie gegessen wird und was es bedeutet zu essen.

Vielleicht, denkt ihr, wenn ihr das nächste Mal esst, an mich und meine Geschichte. Fragt euch doch mal folgendes: Habe ich meine letzten Mahlzeiten wirklich genossen? Habe ich diese Zeit als „me-“ oder „us-time“ wahrgenommen? Essen sollte immer quality time sein!

Für mich ist jetzt nicht nur wichtig Was ich esse, sondern auch Wie.

Bis bald

Saludos y un besito

Pimientos de Padrón
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Eine Antwort auf „8. Voller Magen, glückliches Herz“

Du sprichst mir aus dem Herzen!
Barrigita llena, corazón contento – den Spruch merk ich mir 🙂
Sehr schöner Artikel, ich freue mich schon auf den nächsten!

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